• Das vergessene Denkmal - David. E. Barclay würdigt den Politiker Ernst Reuter und dessen merkwürdigen Lebensweg

Kultur : Das vergessene Denkmal - David. E. Barclay würdigt den Politiker Ernst Reuter und dessen merkwürdigen Lebensweg

Hermann Rudolph

Ernst Reuter gehört zu den nicht seltenen Fällen der jüngeren Zeitgeschichte, bei denen eine fortdauernde Bekanntheit nur das Deckblatt des Vergessens ist. Natürlich weiß jeder, zumal in Berlin, dass es ihn gegeben hat und dass er eine bedeutende Gestalt war, aber damit hat es sich dann vermutlich auch schon.

Der Befund ist bedenklich, denn er schließt ja ein, dass das Gemeinwesen kaum etwas von seiner Herkunft weiß und wissen will. Daran ändert nichts, dass die höchste Auszeichnung Berlins nach diesem Bürgermeister genannt ist, und erst recht hilft dagegen nicht die Benennung eines Platzes im Bezirk Charlottenburg, schon gar nicht jener Verkehrs-Kreisel, der seinen Namen trägt. Ist dieser Platz, so fragt der amerikanische Historiker David E. Barclay - nachdem er ihn "zweifellos einen der hässlichsten öffentlichen Plätze in Europa" genannt hat - nicht sogar eine Art symbolischer Kommentar zum gegenwärtigen Ansehen Reuters? Seine Antwort gibt er mit der Festellung: Reuter sei heute wie "eine ferne, von einem konkreten Kontext losgelöste Ikone (... ) ein vergessenes Denkmal".

Barclay trifft dieses herbe Urteil am Ende seiner Biografie Reuters, die natürlich kein anderes Ziel hat als ihn wieder in Erinnerung zu bringen. Man mag darin einen Hinweis auf das Problembewusstsein des Autors sehen. Es erklärt aber auch, weshalb Barclay nirgendwo der Versuchung anheimfällt, diese Lebensbeschreibung als Heldenlied zu schreiben. Allerdings widersteht er auch der Verführung - eine nicht viel geringere Gefahr -, um jeden Preis einen "anderen" Reuter entdecken zu wollen, sozusagen gegen das tradierte Bild. Auch die Suggestion des Untertitels, hier werde ein "unbekannter Reuter" präsentiert, ist kaum mehr als eine wohlfeile Reklame-Geste.

Persönlichkeit mit Widersprüchen

Gewiss beschreibt Barclay vieles, was man bisher nicht wusste, aber das ist nur die Folge davon, dass er lange geforscht, neue Quellen aufgetan und viele Gespräche geführt hat. Kurz: Dies ist kein Buch, das Ernst Reuter künstlich interessant zu machen versucht, sondern einfach eine seriöse, sehr fleißige, um ein den weiten Bogen dieses Lebens und seine Ambivalenzen bemühte Biografie.

Dabei sind es gerade die Widersprüche, denen Barclays Aufmerksamkeit gilt. Der Weg des Bildungsbürgers in die Sozialdemokratie - über die Brücke der Philosophie des Neukantianismus, nicht des Marxismus - wird so einfühlsam nachgezeichnet wie der Wandel zum radikalen Kommunisten, der, nach dem Urteil von Alfons Paquet, "nach Bolschewismus roch", Folge von Kriegserlebnis und russischer Revolution. Der junge Reuter steht da einen historischen Augenblick lang in einer Reihe mit nachmals berühmt-berüchtigtigen Revolutionären - mit Bela Kun, dem ungarischen Revolutionär, und Joseph Broz, der später Tito wurde. Er mischt auch kräftig mit in den Fraktionskämpfen der frühen KPD und bringt es bis zu deren Generalsekretär.

Kein Gewohnheits-Genosse

Aber wenn es die Empörung war, die ihn zum Kommunismus geführt hatte, so war es, so argumentiert David Barclay, auch die Empörung, die ihn vom Kommunismus wieder wegführte. Das Ganze ist ein Lehrbuch-Beispiel dafür, wozu ein Mensch fähig ist, der, vollgesogen mit dem bürgerlichen neunzehnten Jahrhundert, das Gute will - aber auch, dass es kein leerer Wahn ist, dass jemand mit dieser Lebensausrüstung sich auch in seinem dunklen Drange des rechten Weges wohl voll bewusst sein kann.

Den Weg in die Kommunalpolitik, den Reuter nach seiner Rückkehr in Richtung Sozialdemokratie einschlägt, setzt Barclay keineswegs abrupt gegen diese stürmischen Jugendjahre. Der ethische Imperativ wirkte fort - Reuter war, obwohl später ein Parteirechter, nie ein Gewohnheits- und Milieu-Genosse. Auch als Pragmatiker blieb er prinzipiell: die Schaffung der BVG beispielsweise, eine seiner großen Leistungen, sah Reuter nie nur als Verwaltungsaufgabe, sondern stets als Schritt in einem historischen Prozesses, gerichtet auf politische wie städtbauliche Ziele.

Man lernt bei Barclay eine Menge über die Berliner Kommunalpolitik der zwanziger Jahre, ihre Mischung aus Pragmatik und Reformwillen, und begreift, wie vieles von dem, was uns heute selbstverständlich ist, sich damaligen Anstrengungen verdankt. Manches, was uns heute belastet, allerdings auch - Ernst Reuter blieb zum Beispiel immer ein unbedingter Befürworter öffentlichen Eigentums.

Die große Zeit des Bürgermeisters im Nachkriegs-Berlin bekommt so bei Barclay ein eindrucksvolles biografisches Fundament. Indem er kräftig einsteigt in die Nachkriegsgeschichte, stellt er den Reuter, der zur Legende wird, aber auch hinein in ihre Irrungen und Wirrungen. Das waren nicht nur der Ost-West-Konflikt, sondern auch die Richtungskämpfe in der Berliner SPD und, verstärkt nach der Blockade, das Ringen um ein Verhältnis zu Bonn, das Berlin das Überleben erlaubte. Nicht zuletzt die Kärrnerarbeit der Stabilisierung des Nach-Blockade-Berlin findet in dieser Biografie ihren verdienten Reflex.

Barclay ist auch so frei, Reuters Rhetorik im Kalten Krieg "aufgeladen und übertrieben" zu finden, den "Ausdruck eines ideologisch überhitzten Schattenboxens", was sie ja war. Aber er ist auch so gerecht, ihr gleichzeitig ihre historische Berechtigung zu attestieren. So bekommt die überragende Gestalt, die Reuter war, zusätzliches Profil, aber als eine Figur seiner Zeit.

Risse und Brüche

Dem Bild Reuters historische Tiefenschärfe und einen weiten politischen Horizont hinzugefügt zu haben, ist die Leistung dieses Buches. Die private Gestalt bleibt dagegen im Hintergrund. Das mag am Autor liegen, aber auch an seinem Gegenstand. Um so stärker tritt an Reuters Leben das Exemplarische hervor, dem wohl auch die eigentliche Leidenschaft des Autors gilt. Dieser "merkwürdige und so hin und hergehender Lebensweg" - wie Barclay zweimal schreibt, wie betroffen von diesem Eindruck -,könne als Versuch verstanden werden, sich mit den unterschiedlichen Zukunftsentwürfen des zu Ende gegangenen Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Reuters Leben spiegele, so Barclay, die "Risse, Verwerfungen und Brüche" wider, die das Schicksal Deutschlands kennzeichne. Vielleicht ist dieser Gedanke in der Tat geeignet, Ernst Reuter - wie es die Hoffnung des Autors ist - davon zu befreien, nicht viel mehr zu sein als ein Säulenheiliger in der Geschichte des kalten Krieges. Barclay jedenfalls hat mit seinem Buch, das gut lesbar ist und intelligent argumentiert, seinen Anteil dazu geleistet.David E.Barclay: Schaut auf diese Stadt. Der unbekannte Ernst Reuter. Siedler Verlag, Berlin 2000. 446 Seiten. 58 DM.

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