Kultur : Das vergessene Gefühl

IRING FETSCHER

Als am 8.Mai 1945 die Waffen schwiegen, Nazideutschland besiegt war und nur wenige begriffen, daß das der Tag der deutschen Befreiung war, wechselten viele - sogar ehemals überzeugte Hitler-Anhänger - von einem Tag zum anderen ins Lager der mächtigsten der Alliierten: der USA.Man konnte diese rasche Wende, ironisch kommentierend, als eine Konsequenz aus der Ideologie des "Dritten Reiches" interpretieren.Wenn für das Leben der Menschen und die Beziehungen der Völker Charles Darwins "Kampf ums Dasein" galt und wenn die mächtigsten und erfolgreichsten Völker dazu berufen waren, die Weltherrschaft zu übernehmen, dann waren das offenbar die US-Amerikaner und nicht - wie viele Deutsche gemeint hatten - die "rassereinen Germanen".Mit seiner Äußerung, wenn das deutsche Volk den Krieg verliere, habe es nicht verdient, ihn als Führer gehabt zu haben, und sei nicht wert, zu überleben, hatte Hitler selbst das Stichwort für das Überlaufen seiner Anhänger zu den mächtigen Siegern geliefert.

Im Westen standen das die Amerikaner mit ihren Flugzeugen, Panzern und Atombomben, im Osten die Sowjets mit ihren riesigen Menschenmassen.Als dann 1949 die Bundesrepublik entstand, optierten die konservativen Kräfte des älteren Deutschland - unter Zustimmung der erwachsenen Bevölkerungsmehrheit - für die "Westbindung", das heißt: für die möglichst enge Bundesgenossenschaft mit den USA.

Sobald der Kalte Krieg ausgebrochen war, hatte die amerikanische Regierung die besiegten Deutschen ohnehin als neue Partner erkannt und ihnen bei ihrem Aufbau geholfen.Diese "Freundschaft für die USA" war bei der Generation Adenauers und den etwas jüngeren Mitgliedern seiner Regierung auf das mächtigste Land, die große Militärmacht bezogen, deren Schutz gegen eine potentielle Bedrohung aus dem Osten von fast allen Deutschen als notwendig empfunden wurde.

Für die Lebensweise der Amerikaner, ihre Musik, ihre Tänze, ihren way of life, hatte diese Generation dagegen weit weniger übrig.Die jüngeren Deutschen, die noch zur Schule gingen oder bald die Universitäten bezogen, besuchten eifrig die Amerikahäuser, profitierten von Austauschprogrammen und eigneten sich Kenntnisse der amerikanischen Verfassung und der Prinzipien eines multikulturellen, toleranten, demokratischen Landes an.Bald lernten sie zu unterscheiden zwischen dem Verhalten einzelner amerikanischer Politiker wie McCarthy und später Nixon auf der einen Seite und dem idealen Amerika auf der anderen, das von Personen wie Martin Luther King und - vermutlich zu sehr idealisierten - J.F.Kennedy repräsentiert wurde.Als in den sechziger Jahren - angesichts des Vietnamkrieges und der noch immer nicht überwundenen rassistischen Opposition konservativer Amerikaner gegen die Gleichstellung der Afroamerikaner - Protestbewegungen über die Universitäts-Campusse von Berkeley bis New York gingen, bildete sich eine ganz anders geartete proamerikanische Haltung in der jüngeren deutschen Nachkriegsgeneration heaus."Ihr" Amerika war nicht mehr das der militärischen Stärke, sondern das der Ideale der Declaration of Independence und der Verfassung, das von Jefferson und Lincoln, Roosevelt und Kennedy, von dem Bundeskanzler Adenauer auf seine unnachahmliche Kölsche Art gemeint hatte: er sei kein "jute Präsident".

Anläßlich der in Los Angeles und New York wie in Berlin und Hamburg, Frankfurt und Stuttgart stattfindenden Jugend-Proteste gegen den als sinnlos und ungerecht empfundenen Vietnamkrieg empörten sich die noch immer regierenden älteren Herren und sprachen von einem "unverantwortlichen Antiamerikanismus".Gewiß kamen auch extremistische Äußerungen bundesdeutscher Jugendlicher und radikaler Linker, die von der DDR infiziert wurden, diesem Feindbild entgegen.Im Grunde jedoch waren diese Proteste eher ein Ausdruck der Sympathiegefühle für die amerikanischen GIs, die in einen nicht gewinnbaren, überflüssigen Krieg geschickt wurden, und der Solidarität mit den protestiertenden jungen Amerikanern, zu denen auch der heutige Präsident gehörte.Unter meinen Studenten in New York optierten 1968 viele für die ihnen angebotene Alternative, als Lehrer und Sozialarbeiter in die städtischen Elendsquartiere zu gehen, statt zur Armee.

In der DDR wurde von der politischen Führung - nach einer Anfangsphase der alliierten Solidarität - bald ein Feindbild aus der Nazizeit neu belebt.Da die sowjetische Luftwaffe an dem Flächenbombardement deutscher Großstädte unbeteiligt gewesen war, konnte die SED-Regierung ungeniert von "angloamerikanischen Luftpiraten" sprechen.Wenn es einen Bestandteil der Ideologie der sowjetischen Besatzungsmacht und ihrer deutschen Helfer gab, der bei den Deutschen in der DDR ankam, dann war es der Antiamerikanismus.Freilich: auch dort gab es unter den Jugendlichen Sympathie für amerikanische Musik, und wenn man die Vornamen der damals jungen DDR-Bürgerinnen und Bürger analysiert, wird man darin den Ausdruck der Sehnsucht nach der großen weiten Welt Nordamerikas leicht entdecken können.

Dennoch: namentlich die älteren SED-Politiker hetzten mit einem Eifer gegen die "kulturelle Amerikanisierung", der kaum hinter dem der Nazis zurückblieb.Sie konnten dabei an alte, bildungsbürgerliche Klischees anknüpfen, die "Das historische Schlagwörterbuch" von Otto Ladendorf aus dem Jahr 1906 registriert hat.Unter "Amerikanismus" kann man dort nachlesen: "Der ideallose amerikanische Mensch ...wird auch im alten Europa der Mensch der Zukunft sein; heute kann man schon in gewissem Sinne den Juden als den Vertreter des Amerikanismus bei uns bezeichnen.Verjudung heißt eigentlich Amerikanisierung." Natürlich war ein offizieller Antisemitismus mit dem laut proklamierten Antifaschismus der DDR nicht gut vereinbar.Dafür stellte man aber den Judenfeinden das Stichwort "Antizionismus" gern zur Verfügung.

Man kann annehmen, daß die proamerikanische Haltung der Westdeutschen sofort nach der Niederlage der Wehrmacht ein Ressentiment gegen die übermächtigen Sieger, wegen ihrer Bombenangriffe und vielleicht auch wegen ihres Sieges, ins Halb- und Unbewußte vieler Erwachsener verdrängt zurückließ.Angesichts des Bedürfnisses nach einer starkten Schutzmacht gegenüber den Kommunisten und der wirtschaftlichen Stärke der USA war es aber nicht opportun, dieses Ressentiment laut zu äußern.Nur gelegentlich kam es einmal zum Ausdruck, zum Beispiel als die amerikanische Presse und der Veteranenverband gegen den Besuch Ronald Reagans zusammen mit Helmut Kohl auf dem Kriegerfriedhof von Bitburg deutsch-amerikanische Versöhnung zelebrierte, ohne darauf zu achten, daß dort vor allem Angehörige der Waffen-SS beerdigt waren.Damals konnte man die Bemerkung hören, diese Kritik zeige wieder einmal die "Macht der jüdischen Presse Amerikas".Gemeint war vermutlich die New York Times.Der Hinweis auf die Veteranenverbände, die nach antisemitischer Auffassung kaum überwiegend "jüdisch" sein könnten, wurde als unwesentlich zurückgewiesen.Die Äußerung war wohl ein Ausdruck jenes verdrängten Ressentiments, das bei dieser Gelegenheit sich Luft zu machen versuchte.

Etwas Ähnliches findet auch zur Zeit wieder statt.Während sich eine ganze Reihe von demokratischen Konservativen darüber wundert, daß "ehemalige 68er" heute für den Nato-Einsatz in Jugoslawien eintreten, formiert sich am rechten Rand sowohl der CSU (Peter Gauweiler) als auch der CDU (Alfred Dregger) eine Opposition gegen das - unter US-amerikanischer Führung stehende - Vorgehen der Nato in Jugoslawien.Dabei stört es diese demokratischen Konservativen offenbar nicht, daß sie links und ganz rechts von Leuten wie Gregor Gysi und Horst Mahler sowie den führenden Angehörigen der DVU und NPD "begleitet" werden.

Diese ungewöhnliche Partnerschaft im Antiamerikanismus läßt sich nur psychologisch erklären.Das Vorgehen der Nato gegen Jugoslawiens autoritäre und nationalistische großserbische Führung kann - formal durchaus plausibel - unter Hinweis auf bestehendes Völkerrecht und die fehlende Legitimation durch den Sicherheitsrat der UN abgelehnt werden.Ich vermute jedoch, daß diese Begründung nur eine Rationalisierung darstellt, hinter der sich die mit Erleichterung ergriffene Möglichkeit verbirgt, endlich die lange verdrängten antiamerikanischen Ressentiments auch gegen die USRegierung einmal zum Ausdruck bringen zu können.Amerikanische (UN)-Kultur hat man ja schon von jeher abgelehnt und im Selbstgefühl "kultureller deutscher Überlegenheit" verachtet.Aber die Führung der USA war bislang (fast) Tabu für diese Kreise.So verstanden erscheint es mir gar nicht mehr so verwunderlich, daß die ehemaligen "68er" bei den Grünen und bei der SPD zum großen Teil wenigstens diesen - mit traditionellen amerikanischen Wertvorstellungen übereinstimmenden - Kampfeinsatz der Nato bejahen, während einige alte, einst undifferenziert jeder amerikanischen Regierung zustimmende Konservative zusammen mit Links- und Rechts-Extremen dem Kampf für die Wiederherstellung von Menschenrechten durch den Nato-Einsatz in den Rücken fallen.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und lebt in Frankfurt am Main

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