Kultur : Das verschenkte Gedächtnis

Deutsche Kunstarchive wandern ins Ausland, weil man sie dort besser betreut

Sie gelten als verstaubt, schlecht beleuchtet, geradezu kafkaesk. Und so werden in Deutschland auch die meisten Kunstarchive behandelt: karge oder auch gar keine Ankaufsetats und wenig Wertschätzung. „Kunstarchive sind in der öffentlichen Wahrnehmung Friedhöfe, auf denen nur im Notfall exhumiert wird“, sagt Günter Herzog, Leiter des Zentralarchivs des Internationalen Kunsthandels in Köln.

Im Ausland ist das anders. In Frankreich sind Archivalien nationales Kulturgut und dürfen nur mit behördlicher Genehmigung ausgeführt werden. Das Getty Research Institute beschäftigt zur Aufarbeitung von Originalunterlagen aus der Kunstwelt in Kalifornien mehr als 200 Wissenschaftler. Kein Wunder, dass die kuratorische Betreuung den einen oder anderen Kunsthändler überzeugt, seine Korrespondenzen mit Künstlern, die Rechnungen, Einladungskarten, Kataloge, Fotos und andere Dokumente dort hin zu geben.

Über drei Jahre zogen sich die Verhandlungen zwischen dem Getty und der Tochter des legendären Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela hin. „Ich habe lange überlegt," sagt Ulrike Schmela. „Meine Mutter hatte das Archiv angelegt, es füllte einen ganzen Raum." Die Tochter wollte es weder fortführen, noch den täglichen Anfragen nach Abbildungsrechten nachkommen. Schließlich enthält das Archiv eine der wohl umfangreichsten Fotodokumentationen über die Aktionen von Joseph Beuys.

Seit dem Sommer, heißt es auf der Internetseite der Galerie, sind Anfragen nur noch an das Getty Research Institute zu richten. Dort ist es nun in trauter Gemeinschaft mit den Archiven des Galeristen Paul Maenz, des Kunstmarktjournalisten Willi Bongard, den Nachlässen des Kunstexperten für die Neue Sachlichkeit, Wilhelm F. Arntz und des Berliner Architekten Erich Mendelsohn. Auch die umfangreiche Korrespondenz des 1965 in München gestorbenen Kunsthistorikers Franz Roh landete dort.

„Mit den Möglichkeiten dieser Institute, die stolz auf die Gedächtnisse der Kunstgeschichte sind“, so Herzog, „können wir nicht mithalten." Das vom Kölner Galeristen Rudolf Zwirner 1992 ins Leben gerufene, von dem Bundesverband Deutscher Galerien und maßgeblich von der Sparkassen-Stiftung geförderte „Standesarchiv des internationalen Kunsthandels" hat keinen Ankaufsetat. Im Fall Schmela konnte es auch keinen Gönner auftreiben, der ihm den Erwerb über einen Umweg ermöglicht hätte.

Dabei ist das Zentralarchiv extrem rührig. Publikationen, jährliche Ausstellungen und demnächst eine großzügige Ausleihe an das Jüdische Museum München sorgen dafür, dass die hochinteressanten Unterlagen nicht in den Regalen ein Schattendasein führen. Dennoch, der Abgang des Schmela-Archivs schmerzt.

Die meisten Archive funktionieren nur im Zusammenhang und werden doch auch oft auseinander gerissen. Als die Erben der Münchner Galerie Günther Franke über die letzten vier Jahre hin immer mal wieder Künstlerautographen bei dem Auktionshaus Stargardt in Berlin einlieferten, hatte der Besitzer Wolfgang Mecklenburg zunächst gar keine Ahnung, dass es sich um das Archiv des Klassische-Moderne-Galeristen handeln könnte. „Wenn wir den Eindruck haben, dass Dinge zusammenbleiben sollten, dann bemühen wir uns darum“, sagt der Auktionator und kann ein Beispiel nennen. „Uns wurden hundert Briefe von Theodor Fontane an seinen Sohn Theo angeboten." Statt sie einzeln zu versteigern, vermittelte sie Mecklenburg an die Staatsbibliothek in Berlin und das Fontane Archiv in Potsdam. Ein Glücksfall für die Forschung.

Nicht so gut gelaufen ist der im Jahr 2003 zwischen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Hamburger Archivar Werner Kittel auf zehn Jahre befristete Leihvertrag seines Erschließungsarchivs für Kunst, Kunsthandwerk und Kunstmarkt. Das in Deutschland wohl einmalige Archiv in den Kolonnaden auf der Museumsinsel wird noch vor Vertragsende wieder abgewickelt. „Im Leihvertrag", so sagt der Archivar, „war mir zugesichert, dass das Archiv mit entsprechenden Mitarbeitern ausgestattet wird." Da dies nicht geschah, sah Perfektionist Kittel seine Arbeit gefährdet. Er klagte und ließ sich im Sommer 2007 auf einen gerichtlichen Vergleich ein, der ihm zumindest die unentgeltliche investierte Arbeit ersetzt. Sehr zurückhaltend und „ungern“ kommentiert der Vizepräsident der Stiftung, Norbert Zimmermann, die Situation. Das Archiv über zehn Jahre weiter zu führen, sei finanziell nicht zu realisieren gewesen. Werner Kittel ist nun auf der Suche nach einer neuen Heimat.

Vielleicht bieten die neuen Medien mehr Möglichkeiten, solche verborgenen Schätze zu präsentieren. Die Vernetzung des Zentralarchivs mit basis-Wien, der John Hansard Gallery in Southhampton und anderen erlauben es den Partnern, verstärkt auf sich aufmerksam zu machen (www.vektor.at). Aufmerksamkeit gab es zuletzt auch für das documenta-Archiv in Kassel. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft spendierte 500 000 Euro zur Digitalisierung aller Daten der ersten fünf documenta-Ausstellungen: Ab 2008 sind sie im Netz abrufbar (www.documentaarchiv.stadt-kassel.de).

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