Kultur : Das Versprechen der Freiheit

Islam und der Westen: Wir brauchen keine Schutz-, sondern Öffnungsklauseln / Von Peter Schneider

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Sind wir nicht schon mitten drin im „clash of civilizations“ – im Zusammenstoß der Zivilisationen? Kaum eine Frage wurde in den Debatten und Talkshows der letzten Wochen öfter gestellt, keine von den herbeigerufenen Politikern und Experten mit so entschlossener Vagheit beantwortet: … so krass würde ich es nicht sagen … der Ausdruck gefällt mir nicht … vielleicht sind wir am Anfang, aber noch nicht drin …

Als Samuel P. Huntington vor knapp 13 Jahren mit einem Aufsatz, dessen Titel die Telegramm-Version seiner These war, an die Öffentlichkeit trat, schlugen in den akademischen Eliten des Westens die Wogen der Entrüstung hoch. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des Kommunismus wollte man von den neuen Konfliktlinien, die der Harvard-Professor auf die Weltkarte zeichnete, nicht viel wissen. Damals stellte man sich hoffnungsvolle Fragen wie: Können wir ohne Feinde leben?

Wenn man Huntingtons unaufgeregte Analyse aus dem Abstand von 13 Jahren nachliest, kann man nur den Hut ziehen vor seiner luziden Antizipation. Huntington behauptet nicht mehr und weniger, als dass auf die Epochen der europäischen Fürsten- und Nationenkriege und des Kalten Kriegs zwischen Kapitalismus und Kommunismus – Kriege, die Huntington allesamt als Kriege innerhalb der westlichen Zivilisation verbucht – eine Epoche des Zusammenstoßes des Westens mit nicht-westlichen Zivilisationen folgen wird. Als den unmittelbar bevorstehenden „clash“ zwischen den (nach Huntingtons Zählung) „sieben bis acht“ Zivilisationen nennt er den zwischen dem Westen und den islamischen Ländern.

Keineswegs redet er einer unvermeidlich gewalttätigen Natur dieses Aufeinanderpralls das Wort. Die Unterschiede zwischen den Zivilisationen, zu deren wichtigsten Elementen er Geschichte, Sprache, Kultur, Tradition und Religion zählt, „bedeuten nicht zwangsläufig Konflikt, und Konflikt bedeutet nicht zwangsläufig Gewalt“. Der letzte Satz seines Artikels lautet: „In der vorhersehbaren Zukunft wird es nicht eine universelle Zivilisation geben, sondern eine Welt von verschiedenen Zivilisationen, die alle lernen müssen, miteinander zu koexistieren.“

Einen Punkt lässt Huntington in seinem Aufsatz weitgehend außer Acht: den Umstand nämlich, dass es sich bei dem Zusammenstoß zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation nicht nur um einen äußeren, sondern auch um einen internen Konflikt des Westens handelt.

Europa hat mit seinen über 20 Millionen muslimischen Migranten den Konflikt mit dem Islam ins eigene Haus geholt und ist jetzt gefordert, seine Wertvorstellungen und Prinzipien nach innen wie nach außen zu verteidigen. Die inneren Konfliktlinien, die in den aktuellen Debatten über Integration, Zwangsheirat, Gesprächsleitfaden und Karikaturenstreit sichtbar wurden, lassen sich durch drei Themen markieren: Es geht um die Gleichberechtigung beziehungsweise um die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen und der Homosexuellen, um die Meinungs- und Pressefreiheit und um die Rechte der weltlichen gegenüber der sakralen Sphäre. Der Streit betrifft mit einem Wort einige der wichtigsten Errungenschaften der Aufklärung, die Fundamente der säkularen westlichen Gesellschaften.

Bei Strafe, seine Seele zu verleugnen, kann der Westen in diesen Fragen nicht mit sich handeln lassen. Er ist im Gegenteil gefordert, eine klare Trennungslinie zu ziehen: Die gebotene Achtung vor einer anderen Kultur und Religion muss dort ihre Grenze haben, wo im Namen kultureller Autonomie elementare Menschenrechte verletzt werden. Es kann zum Beispiel nicht geduldet werden, dass jährlich Tausende von muslimischen Mädchen und Frauen in Europa zwangsverheiratet werden. Es kann nicht hingenommen werden, dass muslimische Einwanderer die zivilen Grundregeln in Europa missachten und nach den Gesetzen der Scharia leben.

Hier geht es keineswegs um das Primat einer deutschen, französischen oder dänischen „Leitkultur“. Es geht schlicht und einfach um das Primat der demokratischen Kultur, um die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte im eigenen Land – für alle Bürger, beiderlei Geschlechts und jeder Herkunft.

Der äußere Konflikt mit den islamischen Theokratien ist anderer Natur. Hier sieht sich der Westen dem iranischen Streben nach atomarer Bewaffnung gegenüber, der expliziten Drohung, Israel von der Landkarte „auszuradieren“, einer atavistischen Lebensauffassung, deren Extremisten ihre Philosophie auf die Formel gebracht haben: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“

Wie folgenreich der Unterschied zwischen inneren und äußeren Konfliktlinien ist, zeigt sich am Karikaturenstreit. Kein Zweifel, auch die europäischen Muslime haben sich durch die Mohammed-Karikaturen tief verletzt gefühlt. Man kann sagen, das Unglück und die Dummheit der dänischen Provokation bestehe darin, dass sie die Muslime in aller Welt über alle Gräben hinweg in Empörung vereint hat. Dabei geht es eigentlich nur um eine, in der Tat geschmacklose Karikatur – jene, die Mohammed mit der Bombe auf dem Kopf zeigt. Über die andere, in der der Prophet eine Schar von Freiwilligen mit der Warnung, im Himmel seien die Jungfrauen ausgegangen, vor weiteren Selbstmordattentaten abzuhalten sucht, dürften auch viele Muslime gelacht haben.

Unstreitig sind die europäischen Muslime mit dieser Kränkung entschieden anders umgegangen als ihre von Agitatoren gelenkten Glaubensbrüder im nahen und ferneren Osten. Es gab keine gewalttätigen Proteste, keine Aufrufe zum Boykott dänischer Waren, keine Brandanschläge auf skandinavische Botschaften. Die muslimischen Rebellen in den französischen Banlieues haben keine Hand gerührt – offenbar hat sie die Aufregung um das Darstellungsverbot des Propheten Mohammed nicht weiter interessiert.

Unter dem Schock der antiwestlichen Ausschreitungen wird der innere Konflikt derzeit auf einen Konflikt zwischen Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit verkürzt. Westliche Intellektuelle sehen einen epochalen Zusammenstoß, bei dem der Westen langfristig die schlechteren Karten habe: Der säkularen, zynischen Gesellschaft, die über das Sakrale nur noch witzeln könne, stehe eine in sich kohärente muslimische Kultur gegenüber, die noch ein ungebrochenes (heroisches) Verhältnis zu ihren Gebräuchen und zu ihrem Glauben habe. Sie lehre uns „den Nicht-Zerfall, die Nicht-Gleichgültigkeit … den Zusammenhalt in Not und Bedrängnis“, schreibt der Dramatiker Botho Strauß.

Dass diese Bindungskräfte vor allem eine repressive Macho-Kultur konservieren, der viele muslimische Mädchen und Frauen in Europa, manchmal unter Lebensgefahr, zu entrinnen suchen, wird bei diesem Szenario übersehen, das auf das große Drama setzt, auf eine starke Zeit, die der „schwachen Zeit“ der Beliebigkeit und des Synkretismus folgen wird.

In Wahrheit spielen sich die entscheidenden Konflikte nicht in der Sakral-, sondern in der weltlichen Sphäre ab. Die Idee von einer reinen, von der Moderne „unbefleckten“ muslimischen Kultur gehört ins Reich der Nostalgie. Zumindest in Europa sind Mischung und Vermischung angesagt, nicht Reinheit. Die säkularen und gemäßigten westlichen Muslime – und besonders die Frauen unter ihnen – zählen darauf, dass die westliche Gemeinschaft die Errungenschaften der Aufklärung mit Entschlossenheit verteidigt. In Frankreich ist eine Mehrzahl der fünf bis sechs Millionen Muslime inzwischen säkular orientiert. Die Zahl der regelmäßigen Besucher von Moscheen entspricht der Zahl von Besuchern christlicher Kirchen: 15 bis 20 Prozent.

Nach dem Kopftuchverbot der französischen Regierung meldeten sich Tausende von französischen Musliminnen, die der Regierung dafür dankten, dass sie per Gesetz die Möglichkeit erhielten, dem archaischen kulturellen „Zusammenhalt in Not und Bedrängnis“ zu entrinnen und das Kopftuch abzulegen. Seyran Ates, Necla Kelek, Serap Cileli fordern im Namen einer wachsenden Zahl von europäischen Musliminnen ein ziviles Minimum: die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau – auch für Musliminnen. Sollten wir im Namen des Respekts vor einer anderen Kultur und „Sittenprägung“ wirklich daran zweifeln, dass auch muslimische Frauen es vorziehen, sich ihren Ehemann oder Geliebten selber auszusuchen?

Erstaunlich ist, dass sich die zutiefst beunruhigte Mehrheitsgesellschaft bisher kaum um ihre natürlichen Verbündeten – die gemäßigten und dissidentischen Muslime – gekümmert hat. Viele von ihnen fühlen sich allein gelassen und als „Muslime“ in die Ecke gestellt. Und sie fühlen sich verraten von einer Schaukelpolitik, die eine unnachgiebige Haltung gegenüber den muslimischen Extremisten in Iran zwar ankündigt, aber einen Wirtschaftsboykott (mit Blick auf die deutschen Wirtschaftsinteressen) ausschließt. Oder durch den Schweizer Nestlé-Konzern, der sich in Saudi-Arabien mit dem Werbe-Spruch empfiehlt, dass seine Produkte „nicht aus Dänemark“ stammen.

Vor allem aber vermissen sie eine deutliche Anstrengung der Mehrheitsgesellschaft, ihnen und ihren Kindern gleiche Chancen in der Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen. Als ein Zeichen, dass sie angenommen und gebraucht werden, als Einladung zum Dialog. Solange der längst stattfindende „clash of civilizations“ als Konflikt zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft ausgetragen wird, wird er weiter eskalieren und einen Prozess vorantreiben, den Samuel P. Huntington (mit einem Wort George Weigels) die „Entsäkularisierung der Welt“ nennt.

Was nun die moralische Schwäche des Westens in diesem Streit angeht – den Verlust des Glaubens, der Ehrfurcht vor dem Erhabenen und Heiligen – so halte ich diese Schwäche nicht für unumkehrbar. Der jahrhundertelange Kampf um die Selbstbestimmung des Individuums, die Geschichte der Befreiung des menschlichen Geistes von religiöser Bevormundung ist etwas Erhabenes, fast möchte ich sagen, etwas Heiliges. Es ist eine Stärke der westlichen Zivilisation, nicht eine Schwäche, dass sie von ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik lebt.

Niemand kann leugnen, dass sie (wie übrigens die islamische Zivilisation auch) übergenug Verbrechen auf dem Gewissen hat, die sich als Anlässe zum Selbstzweifel, zum Zynismus, ja zum Selbsthass eignen. Gleichzeitig hat sie gute Gründe, sich des Freiheitsverlangens zu erinnern, das einen Alexander von Humboldt (nach der gescheiterten deutschen Revolution von 1848) zu dem wunderbaren Satz inspiriert hat: Der Wunsch „nach freiheitlichen Institutionen“ werde „ewig sein wie der elektromagnetische Sturm, der im Inneren der Sonne glitzert“.

Mit der Relativierung oder Aufgabe seines Grundversprechens auf die Freiheit des Individuums würde der Westen dem Islam keinen Gefallen tun. Es scheint auch im Westen fast in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Epoche der wissenschaftlichen Entdeckungen, der Entwicklung der Technik und der Künste den Freiräumen zu verdanken ist, die die oft todesmutigen Pioniere der säkularen Gesellschaft gegen den Absolutheitsanspruch der religiösen und weltlichen Autoritäten erstritten haben. Nein, der Islam braucht nicht eine neue Schutzklausel gegen Karikaturen und Kritik, sondern vielmehr eine Öffnungsklausel, eine Bereitschaft, sich der modernen Welt zu öffnen, in der längst auch die Muslime leben – und eine beherzte Erinnerung an die Helden seiner eigenen verratenen Renaissance.

Peter Schneider lebt als Autor in Berlin. Zuletzt erschien von ihm im Rowohlt-Verlag der Roman „Skylla“.

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