Kultur : Das Versprechen der Stadt

Berlins großer Fotokurator Janos Frecot hat einige Jahre auch selbst fotografiert. Die Kommunale Galerie entdeckt nun seine Aufnahmen wieder.

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Charlottenburg, menschenleer. Frecots Fotos aus den Sechzigern sind sachliche Dokumente. Foto: Janos Frecot
Charlottenburg, menschenleer. Frecots Fotos aus den Sechzigern sind sachliche Dokumente. Foto: Janos Frecot

Seine Bilder haben nichts mit der Ruinenfotografie der frühen Nachkriegstage zu tun, die Schuttberge und das harte Leben in Trümmern in den Mittelpunkt rückten. Man muss schon genauer hinschauen, um die Kriegswunden in Janos Frecots Mitte der sechziger Jahre aufgenommenen Fotografien zu erkennen. Wuchtige Brandmauern, die sich dem Betrachter brachial entgegenstemmen, Lücken, Abrisskanten und wuchernde Grasnarben erzählen vom Kahlschlag einer Stadt. Viele dieser Häuser sind abgerissen worden, kurz nachdem Frecot sie auf seine Platten bannen konnte. Stehen sie heute noch, sind die Sichtachsen von damals inzwischen verbaut.

Es sind Momentaufnahmen im wahrsten Sinne. Denn sie halten nicht nur Flüchtiges fest, Frecot hat auch nur in einem ganz kurzen Zeitraum von zwei Jahren fotografiert. Danach schlug er sich auf die andere Seite und wurde Fotografie-Kurator. Nun ehrt die Kommunale Galerie Künstler und Werk mit einer Ausstellung: eine echte Entdeckung.

Frecot war ein erklärter Fan der Nachkriegsarchitektur: „Ich empfand das unverschnörkelte Offene als Versprechen für eine lebenswerte Zukunft“, schreibt er im Ausstellungskatalog. Aber das Gesicht Berlins, das war zu der Zeit noch ein anderes. Es wurde vor allem geprägt von den großen Blöcken der Altbauten. In ihnen sah der junge Mann seine Kompositionen. Denn Frecots Stadtfotografie konzentriert sich auf die Oberfläche, auf das Grafische.

Dem damaligen Chronisten ging es weniger um eine Wiedererkennbarkeit von Straßenecken als um Hell-Dunkel-Kontraste, Fläche und Form, Strukturen. Deshalb konzentrieren sich seine Motive häufig in engen Ausschnitten. In einer Ziegelsteinwand sind noch ganz zart die Bögen zugemauerter Fenster zu erkennen, abgeblätterter Putz wird zu mäandernden Mustern. Auf diese Feinheiten kam es Frecot an. Den unglaublichen Detailreichtum und die Schärfe erzielte er mit einer Großformat-Kamera.

Frecot, 1937 in Freidorf in Rumänien geboren, aufgewachsen in Erkner und Moabit, hat das Fotografieren von seinem Vater, einem erfahrenen Amateur, und in Volkshochschulkursen gelernt. Er war Autodidakt und hat sich den größten Teil seines Lebens vor allem theoretisch mit dem Medium auseinandergesetzt. 1978 wurde er von Eberhard Roters an die neu gegründete Berlinische Galerie berufen, um dort eine fotografische Sammlung aufzubauen. Geleitet hat er sie bis zu seiner Pensionierung 2002. Sie gilt heute quantitativ und qualitativ als eine der bedeutendsten in Deutschland. Die Kamera nahm er seit Ende der sechziger Jahre nur noch zum „eigenen Vergnügen“ in die Hand und maß seinen Aufnahmen keine größere Bedeutung mehr bei.

Schön, dass sie nach vierzig Jahren im Verborgenen nun einer größeren Öffentlichkeit präsentiert werden. Menschen fehlen auf den sachlich-dokumentarischen Bildern. Und doch gibt es immer wieder Spuren davon. Etwa das Kreidetor, das Kinder an eine Mauer gezeichnet hatten, so dass die Stadt spontan zum Spielplatz werden konnte. Oder jene Rauchsäule, die aus einem kleinen Fensterloch in einer Fassade steigt, die sich mit dem Schatten eines weiter vorne liegenden Schornsteins deckt, so dass es so aussieht, als würde sie daraus strömen.

Es sind bei aller schwarz-weißer Neutralität der Architekturbetrachtung heitere Momente. Manchmal schiebt sich am Rand auch eine Vespa ins Bild. Mit der ist Frecot von seiner kleinen Wohnung in Schöneberg aus durch die Stadt gefahren. Damals unterhielt er seine Fotowerkstatt im Souterrain seines Hauses in der Potsdamer Straße Ecke Bülowbogen, wo Fußgänger vom Bürgersteig aus einen Blick auf die Abzüge werfen konnten. Darunter war auch der Architekturhistoriker Jonas Geist, der auf die besondere Sicht des Fotografen neugierig geworden war. Gemeinsam planten sie ein Buch über die Fassade. Stattdessen wurde ein Buch über Fidus daraus. Der Lebensreform galt beider Interesse. Mit der Fotografie war es daraufhin vorbei. Umso kostbarer die wenigen Aufnahmen von damals. Immer wieder hatte Frecot die Stellen aufgesucht, die er fotografieren wollte. Stimmte das Licht nicht, baute er seine Kamera wieder ab, notierte sich eine Erinnerung auf seinen Block und kam zu einer anderen Tageszeit wieder. Keines seiner Bilder ist ein Schnappschuss.

Kommunale Galerie, Hohenzollerndamm 176, bis 10. 11.; Di bis Fr 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 19 Uhr, So 11 – 17 Uhr. Katalog (Nicolai Verlag) 39,95 €

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