Kultur : Das vierte Rad am Wagen

Uwe Friedrich

Das Modell leuchtet verführerisch in Orange und Gelb. Es stammt aus dem Architektenbüro Gewers Kühn + Kühn und zeigt das noch zu bauende Zentrum für Zeitgenössische Oper und Musik, von dem die Macher der Zeitgenössischen Oper Berlin um Andreas Rochholl träumen. Direkt am Humboldthafen soll es einmal stehen und Flaneure aus Richtung Hamburger Bahnhof anziehen, um dort das Neueste in Sachen Musiktheater anzuhören. Im frei zugänglichen Foyer sollen den ganzen Tag über Klanginstallationen und Ausstellungen zu erleben sein, der variable Saal bietet mit Hubpodien, Schnürboden, veränderbaren Musikgalerien und luxuriöser Tontechnik alles, was sich Komponisten heutzutage wünschen. Von den Kosten redet man dabei lieber gar nicht, erst gegen Ende der Podiumsdiskussion im Willy-Brandt-Haus fallen (ungeschützt) ein paar Zahlen: 100 Millionen Mark für den Bau und jährlich mindestens zwanzig Millionen für den Betrieb.

Knut Nevermann, der zweite Mann im Bundeskulturministerium, hatte es entsprechend eilig zu betonen, dass von der Bundesregierung keine Hilfe zu erwarten sei. Die Entscheidung über eine neue Spielstätte für das Musiktheaters sei Sache des Landes Berlin. Und damit - so war aus Nevermanns Äußerung deutlich herauszuhören - wohl erledigt. Er habe ohnehin nicht den Eindruck, dass es in der Hauptstadt ausgerechnet an Platzkapazität für die Opernhäuser mangele. Graf Strachwitz vom Maecenata Institut hingegen hat ausführlich das internationale Sponsorenverhalten studiert und sieht durchaus die Möglichkeit, das benötigte Geld privat locker zu machen. Das müsste allerdings äußerst professionell geschehen. An utopischem Potential mangelte es dieser Diskussion jedenfalls nicht. Jeder Teilnehmer betonte, wie gut ihm die Idee gefalle. Da der bayerische Staatsintendant Peter Jonas krankheitsbedingt nicht auf dem Podium saß, fehlte die Stimme eines konventionellen Opernmachers, der wohl darauf bestanden hätte, dass neue Werke für das Musiktheater auch an den bestehenden Häusern git aufgehoben sind.

Eine breite Diskussion wollen Rochholl und seine Mitstreiter entfachen. In einem "dialektischen Prozess" soll sich die Zivilgesellschaft darüber klar werden, ob sie dieses Haus will. Die Idee hat zweifellos Charme, die Antwort von offizieller Seite scheint dennoch zu sein: "Nein danke, ist uns im Augenblick zu teuer. Wir haben die anderen drei Millionengräber noch nicht im Griff. Nichts für ungut."

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