• Das Völkerkundemuseum zeigt ab morgen die schönsten Stücke seiner berühmten Indianersammlung

Kultur : Das Völkerkundemuseum zeigt ab morgen die schönsten Stücke seiner berühmten Indianersammlung

Christoph Stollowsky

Der Tagesspiegel wollte noch mehr sehen und ging direkt ins MuseumsdepotChristoph Stollowsky

Es muss ein besonderer Augenblick im Leben des Prinzen Maximilian zu Wied gewesen sein, als er die Gabe seines Freundes Mato-Tope auspackte. Eine Bisonrobe, bemalt von Mandan-Indianern aus dem Missourigebiet. In den Jahren 1832 bis 1834 hatte der Prinz auf seinen Reisen durch Nordamerika auch diesen Stamm besucht und das Vertrauen des Häuptlings Mato-Tope gewonnen. Reich beschenkt kehrte er zurück. Was er aus den Seekisten holte, war eine Sensation: Tomahawks, Lederwesten und vieles mehr aus einer Kultur, die man nur vom Hörensagen kannte. Später verkaufte er einen Teil seiner Sammlung der Königlichen Kunstkammer in Berlin, und das ist im Museum für Völkerkunde in Dahlem bis heute ein Grund zur Freude. "Diese Dinge", sagt der Ethnologe Hans-Ulrich Sanner, "gehören zu dem Wertvollsten, was wir hier haben."

Hans-Ulrich Sanner ist Indianer-Spezialist. Er arbeitet im Seitenflügel des Museums hinter einer grauen Stahltüre. "Amerikanische Ethnologie" steht auf dem Schild am Eingang. Wenn er die Türe öffnet, betreten seine Besucher einen Saal mit schmalen Gängen und Wänden aus Glasschränken, wie man sie in alten Museen findet.

Aber das hier ist kein Ausstellungsort, sondern das Depot der Dahlemer Völkerkundler für Zeugnisse der Indianerkulturen Süd- und Nordamerikas. Eine Sammlung mit 60 000 Objekten, die zu den größten der Welt gehört. Doch bisher waren ihre Schätze wegen der begrenzten Ausstellungsfläche kaum zu sehen. Vom morgigen Freitag an zeigen die Dahlemer Wissenschaftler nun erstmals seit 1945 eine umfassende Sonderschau mit dem Titel "Die Indianer Nordamerikas - vom Mythos zur Moderne." Präsentiert werden 600 ausgewählte Objekte. Der Tagesspiegel wollte aber noch mehr sehen und ließ sich hinter den Kulissen durch die riesige Sammlung führen.

Beispielsweise zur Bisonrobe des Häuptlings Mato-Tope. "Vier Bären" heißt sein Name übersetzt. Auf dem Leder sind die Umrisse seiner Hand dargestellt, außerdem ein Rabe auf dem Rücken eines Bisons. Das Bild erzählt eine Heldentat. Ein Krieger des Arikara-Stammes hatte seinen Bruder mit der Lanze getötet. Daraufhin erschien ihm im Traum der Rabe und verriet den Namen des Lanzenmannes. "Vier Bären" schlich sich ins feindliche Lager und brachte ihn mit der gleichen Waffe um.

Ein ausgefallenes Stück. Wegen solcher Schätze kommen sogar Indianer-Gruppen nach Dahlem, denn in kaum einem Museum der USA gibt es so viele Besitztümer ihrer Vorfahren aus dem frühen 19. Jahrhundert in vergleichbarer Qualität. Jüngst waren Vertreter des Stammes der Blackfeet aus Montana zu Gast. Sie traten durch die Türe und waren begeistert. Links, gleich hinter dem Eingang, entdeckten sie das verzierte Hemd eines einstigen Oberhauptes ihres Volkes. Es sieht aus, wie vor ein paar Wochen genäht. Tatsächlich brachte es ein früher Reisender vor 180 Jahren nach Berlin.

Dass es der Nachwelt erhalten blieb, hängt mit der Sammelleidenschaft der Europäer im 19. Jahrhundert zusammen. 1873 wurde das Königliche Museum für Völkerkunde in Berlin gegründet, wenig später schickten seine Wissenschaftler den Norweger Adrian Jacobsen in den Nordwesten Amerikas. Er sollte die Indianer bis hinauf zu den Eskimos besuchen. Jacobsen kehrte mit tausenden Objekten zurück, darunter auch Regenmäntel, wie man sie noch kaum gesehen hatte. Sie waren aus Fischhäuten und den Darmhäuten von Seehunden genäht.

Hans-Ulrich Sanner dreht einen kleinen Schlüssel in einer Glastüre und nimmt die Eskimo-Variante des Südwesters vom Bügel. Die Häute sind pergamentfarben und fassen sich an wie eine altersstarre Abdeckplane. Manchmal kommt sich der Ethnologe in solchen Momenten wie der Verwalter eines riesigen Fundus mit Requisiten für Indianerfilme vor, schließlich kann er ausgefallenste Wünsche erfüllen. Er findet sogar Pfeifenköpfe aus dem Pfeifenstein des Heiligen Steinbruchs in Minnesota oder die Reitertaschen der Crows. Sie waren mit bunt gefärbten Borsten des Stachelschweines verziert.

Es ist für Sanner auch kein Problem, ein Halsband aus Bärenkrallen und einen Kopfschmuck aus Adlerfedern der Comanchen zu besorgen, und er besinnt sich nur kurz, bevor er auf einen Schrank mit der Aufschrift "Große Ebenen" zustrebt. Hier hängen die gefransten Lederhemden auf der Stange wie die Kollektionen in den Boutiquen an der Tauentzien. Nun nimmt er noch schnell ein paar Kriegshauben der Apachen von Perückenständern und hat im Handumdrehen Bögen, Pfeile und Tomahawks zur Verfügung, sogar ein Mehrzweckbeil, das sich nach der Versöhnung als Friedenspfeife eignet, weil sein Griff durchbohrt ist.

Gräbt der hochgewachsene Wissenschaftler nun gleich das Kriegsbeil aus? Man könnte es glauben, wenn er über falsche Indianerbilder spricht. Zum Beispiel über den Ausdruck "die Indianer", obwohl die Völker "sehr unterschiedlich lebten". Die Beweise sind greifbar nah, er braucht nur seine Schränke für die Pueblo-Kulturen und die Indianer der Großen Ebenen zu öffnen. "Hier, die Hopi in Arizona, sie sind Bauern, bauen Häuser und ihre Frauen haben Macht." Dort die Prärieindianer, sie zogen umher - und Herr im Zelt war der Mann.

Gewiß hätte auch Prinz Maximilian von Indianerhäusern erzählt, wäre er bis Kalifornien gereist. Doch der fürstliche Abenteurer machte schon bei den Zelten seines Freund Mato-Tope am Missouri kehrt.

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