Kultur : Das Volk, hier tümelt’s

Wiener Trash am Akademietheater: Bernhard Studlars „Transdanubia Dreaming“ uraufgeführt

Petra Rathmanner

Über Transdanubien – wie die Wiener die Bezirke am Nordrand der Stadt nennen – sollte man besser nicht lästern. Die ORF-Journalistin Elizath Spira hat’s getan, und es bekam ihr gar nicht gut: Die neue Folge ihrer TV-Serie „Alltagsgeschichten“ hat sie in der Großfeldsiedlung gedreht. Diesem riesigen Wohnkomplex verdankt Transdanubien, dass es für die Bronx von Wien gehalten wird. Vor der Kamera haben die härtesten Sozialfälle der grauen Betonburg - Junkies, Trinker und Neo-Nazis –ihr Schicksal ausgebreitet. Ein bewährtes Rezept der Serie. Doch diesmal sind die ehrbaren Bewohner auf die Barrikaden gestiegen: Mit Unterstützung der „Kronen-Zeitung“ haben sie eine Protestkampagne gegen die 60-jährige Filmemacherin in Gang gesetzt. In aufgeregten Talkshows wollen die Aktivisten ihren Stadtteil vom räudigen Image befreien.

Nun kommt mit der Uraufführung von „Transdanubia Dreaming“ das übel beleumundete Proletenviertel auch noch ins gutbürgerliche Akademietheater. Die Transdanubier werden sich über dieses Stück wohl kaum freuen: Sie werden als larmoyante Säufer porträtiert, die Unmengen Grünen Veltliners in sich hineinschütten, fettige Schmalzbrote mampfen und vor sich hin granteln: „Ollas tut ma weh.“ Andererseits bietet die Komödie des 30-jährigen Bernhard Studlar aber auch keine wirklichen Anhaltspunkte, um sich herzhaft aufregen zu können: Die Figuren poltern, aber sind im Grunde harmlos. Unschöne Szenen ereignen sich zwar – ein Taxler fackelt einen Kebab-Stand ab, die beiden Witwen sind am Tod ihrer Ehemänner nicht ganz unbeteiligt –, aber diese Ereignisse beeinflussen in keiner Weise die Handlung. Unberührt wird weiter gebechert. Überhaupt läuft alles darauf hinaus, sich gemeinsam zu betrinken.

Der größte Trinker und die beinahe liebenswerte Hauptfigur ist Manfred. Er beweist, dass selbst in einem tendenziell ausländerfeindlichen Klima echte Freundschaft zwischen Wienern und Türken möglich ist. Cornelius Obonya verkörpert den Schwerenöter Manfred geradezu ideal. Der Schnauzer hängt ihm ins Weinglas, die griesgrämige Miene kennt kein Lächeln, verzagt dehnt er die dialektgefärbten Dialoge in die Länge und bleibt immer auf derselben Tonhöhe – lethargischer geht’s nicht. An diese Grundstimmung wird Studlar wohl gedacht haben, als er dem Stück ein Zitat von Thomas Bernhard vorangestellt hat: „Wir sind Österreicher, wir sind apathisch“. Das Stück, das während Studlars Studium an der Berlinere Hochschule der Künste entstanden ist und beim Heidelberger Stückemarkt den ersten Preis erzielt hat, ist eine Mischung aus Spiras menschelndem Milieu-Voyeurismus und Horvàths Chronik der Kleinbürger.

Für die Inszenierung ergibt sich daraus die Frage: Soll man sich auf den Wiener Trash einlassen oder bewusst dagegen halten? Das Problem der zweistündigen Aufführung ist, dass Regisseur Nicolas Brieger sich eben nicht entscheidet, ein wenig von allem versucht und schließlich im biederen Volksschwank landet. Am Bühnenbild von Karl Kneidl liegt es nicht: Holzbänke und -tische, wie man sie vom Heurigen kennt, sind wie ein Labyrinth angeordnet. In den schmalen Zwischenräumen torkeln die Schauspieler von einem Stammtisch zum nächsten. Bei der Musik hat man schon eher daneben gegriffen – die drei Musiker (Konzept: Otmar Klein) improvisieren viel zu zaghaft mit Heurigenmelodien und haben sich dabei sprichwörtlich vergeigt.

Der Knackpunkt ist aber das Ensemble, das zu keiner gemeinsamen Sprache findet: Während die Wiener, die bei ihrer Freude am Mundartlichen nicht gebremst werden, bald munter drauf los schmieren, wirken die Nichtwiener unfreiwillig komisch, wenn sie etwa das berühmte Meidlinger „l“ nicht richtig treffen. Der einzige, der den Dialekt als Kunstsprache anlegt, ist Johann Adam Oest als wunderbarer Wirt Herr Josef. So schlittert der Abend zusehends in eine immer weinselig-rührseligere Stimmung hinein: Soviel „goldenes Wienerherz“ ist nicht nur für einen beleidigten Transdanubier schwer auszuhalten.

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