Kultur : Das Volk Mose

Berliner Familienclan: Wie sich 300 Ahnen von Moses Mendelssohn treffen – und über ihren Stammbaum fachsimpeln

Daniel Völzke

Als die Verwandten längst unter dem Dachgebälk Platz genommen haben, hören sie Thomas Leo noch auf der Treppe schnaufen. Mühsam kämpft sich der gehbehinderte Mann den Weg hinauf, nach oben in den zweiten Stock. Winzig, verwinkelt und hinterhältig sind die alten Häuser im alten Europa, kaum Platz für praktizierte Minderheitenpolitik, für einen Fahrstuhl etwa. In Amerika wäre das schon mal ein kleiner Skandal. Doch nach all den vielen Flugstunden, die es von San Francisco nach Berlin braucht, lässt sich der pensionierte Kardiologe nicht von diesen lächerlichen Treppen aufhalten. Dafür ist seine Neugierde dann doch zu groß: Was sind das für Leute, die Nachkommen des Berliner Aufklärers Moses Mendelssohn? Wo komme ich selbst her?

„Alles Verwandte, nie gesehen“, sagt Julius Schoeps, der hier am Potsdamer Neuen Markt, im Dachgeschoss des alten Hauses, das von ihm geleitete Moses-Mendelssohn-Zentrum vorstellt. Der Professor ist genauso wie Thomas Leo und alle anderen Anwesenden ein Nachfahre des großen jüdischen Philosophen, der im 18. Jahrhundert, in dieser Umbruchzeit für die europäischen Juden, in seinen Schriften stets den Mittelweg, die Verständigung suchte. Dieses Wochenende gehört seinem Andenken und seinen Nachkommen: Der Berliner Senat hat auf Anregung des Staatssekretärs André Schmitz Vertreter aus dem weitverzweigten Mendelssohn-Stammbaum in die deutsche Hauptstadt eingeladen. Anlass ist die Restaurierung der Gräber von Joseph und Alexander Mendelssohn. Noch nie zuvor hat die Stadt ein Familientreffen organisiert. „Mit 40 Zusagen haben wir gerechnet“, wird Schmitz beim Empfang am Abend im Roten Rathaus gestehen. Da werden ihm weit über dreihundert Gäste zuhören, die tatsächlich der Einladung gefolgt sind.

Aus aller Welt sind sie gekommen. Man soll sich kennenlernen und die Stadt anschauen, deren Kultur und Wirtschaft so entscheidend geprägt wurde von dieser großbürgerlichen Dynastie. Die Mendelssohn-Söhne und -Töchter waren Musiker, Schriftsteller, Schauspieler, Gelehrte, Bankiers, Industrielle, Adlige. Dorothea Schlegel, Fanny Hensel, Felix Mendelssohn Bartholdy sind nur die berühmtesten Namen der an glanzvollen Persönlichkeiten reichen Familie.

Hier in Potsdam sitzt sie nun, die Vorhut der Nachfahren, 20 Gäste meist mittleren Alters, die heute, einen Tag vor der offiziellen Eröffnung im Rathaus, zu diesem ersten Termin ins Mendelssohn-Zentrum gekommen sind. Beruf und Herkunft spielen bei der Vorstellung vorerst keine Rolle. Viel wichtiger die Frage: Aus welchem Zweig entstammt man?

„Wahnsinnig kompliziert, die Mendelssohn-Mischpoke“, meint Julius Schoeps. Immer werde alles durcheinandergebracht, sagt er. Allein die Frage, ob und wann man den Namen Mendelssohn Bartholdy mit oder ohne Bindestrich schreibt! Die Mendelssohns, denen viel Familienbewusstsein nachgesagt wird, haben schon 1879 einen ersten Stammbaum erarbeitet. Die Berliner Staatsbibliothek präsentiert nun anlässlich des Treffens eine CD-Rom, auf der die Verästelungen bis in die siebte Generation wie ein Planetensystem dargestellt ist: Immer wieder neue Lebenszirkel öffnen sich konzentrisch um das Zentralgestirn Moses. Wirklich ein eigenes Universum!

Jährlich kommen neue Namen hinzu. Beim Familientreffen sind Kinder dabei, die zehn Generationen vom Stammvater entfernt sind. Bleibt als erste Orientierung der Stammbaum: „Ich stamme aus der Linie Abraham-Felix-Otto“, sagt jemand in der Vorstellungsrunde und ergänzt: „Und bin durch die Linie Alexander-Bohnke doppelt verwandt.“ Moses Mendelssohn hatte sechs Kinder, von denen vier Stammbaumlinien ausgehen. Die meisten der hier Anwesenden sind Nachfahren des Bankiers Abraham, dem Vater von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy.

So auch Thomas Leo. Sieben Generationen ist er von Moses Mendelssohn entfernt. Darauf angesprochen, rattert der Amerikaner, der in Oberursel und Frankfurt aufgewachsen ist, bevor er 1940 über Holland und Venezuela nach Kalifornien auswanderte, auch gleich in unsicherem Deutsch die Abfolge der Namen runter: „Moses, Abraham, Fanny, Sebastian, Cécile, mein Vater Ulrich.“ In Amerika treffe man Nachkommen nur auf Beerdigungen, deshalb freut sich Leo sehr über diese Zusammenkunft. Denn die Leos sind abstammungsbewusst: In ihrer Wohnung hängen Porträts der Mendelssohn-Stars. Darunter hat Ehefrau Emily, die genauso wie Sohn David mit nach Deutschland gekommen ist, ein Zitat von Plutarch angebracht: „Es ist eine schöne Sache, aus gutem Haus zu sein. Aber das Verdienst gebührt den Ahnen.“

Die „schöne Sache“, das wird an diesem Wochenende in Berlin deutlich, ist vor allem die Einbettung der eigenen Geschichte in eine größere: der Familiengeschichte, der Geschichte Deutschlands, der Welt- und Ideengeschichte. In diesem Sinne sieht auch der 27 Jahre alte Max Winter, der in Basel über Hegel promoviert, seine Herkunft: „Die Verwandtschaft ist ein guter Anlass, sich mit Geschichte zu beschäftigen.“ Gerade lese er wieder ein Buch über Moses; wie die meisten ist der Philosoph am stärksten fasziniert vom Stammvater. Winter beeindruckt das tägliche Arbeitspensum des Gelehrten, der auch Unternehmer war.

Ob sich außerhalb des Familienclans überhaupt noch jemand für die Mendelssohns interessiere, möchte Emily Leo wissen. In den nächsten Tagen wird sie es erfahren, wie sehr Berlin trotz aller Brüche eine Mendelssohn-Stadt geblieben ist: Die Gäste werden das Berliner Geschichtsforum mit Sitz im ehemaligen Stammhaus der Mendelssohn-Bank in der Jägerstraße besuchen. Sie lernen die Mendelssohn-Gesellschaft kennen, das Mendelssohn-Archiv in der Staatsbibliothek. Sie werden Villen, Sommerhäuser, Wohnungen einiger Ahnen sehen, das Palais der Mendelssohn Bartholdys in der Leipziger Straße, dort, wo heute der Bundesrat tagt. Und sie besichtigen das Grab Moses Mendelssohns in der Großen Hamburger Straße.

Und so sind es vor allem die Anekdoten und Querverweise, in denen sich die Moses-Nachkommen bei diesem Treffen jüdisch-deutsche, preußische Geschichte aneignen. Erinnerungen, die sich an Orten festgesetzt haben. Und: An Moses Mendelssohn, dem sein Freund Lessing in der Figur Nathan ein Denkmal für weise Toleranz gesetzt hat, lassen sich Möglichkeiten nachspüren, wie die deutsche Geschichte anders hätte verlaufen können.

Am Abend des Empfangs im Roten Rathaus stehen im Festsaal Tische mit Namenschildern: Löwenthal-Hensel, Paschedag, von Haimberger, von Schwerin, von Mendelssohn. Ein Streichquartett spielt Kompositionen von Fanny Hensel, Arnold Mendelssohn, Mendelssohn Bartholdy. Dann besuchen sich die Verwandten an ihren Tischen. Draußen vor dem Roten Rathaus spielen die Kinder der Gäste. Fast hat es etwas von einem ganz normalen Familienfest einer ganz normalen Familie.

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