Kultur : Das Vollblut kehrt zurück

Eine Begegnung mit Rolando Villazón

Christine Lemke-Matwey

Wenn er an seine Stimme denke, sagt Rolando Villazón, und die folgende Metapher ist leider keine Erfindung dieser frühen Mittagsstunde in der VIP-Lounge des Berliner Grand Hyatt, dann denke er an ein Pferd. Wer den mexikanischen Startenor nur halbwegs vor Augen hat oder im Ohr, der weiß, dass damit kein knochiger Klepper oder schwerhufiger Ackergaul gemeint ist, sondern ein Vollblut, selbstredend. Ein Araberhengst mit bebenden Nüstern und zitternden Flanken, nervös bis zur Fiebrigkeit, allzeit bereit, restlos alles zu geben im finalen Sprint oder Sprung oder Spagat.

Der Augenblick, fährt Villazón mit schwarzglühenden Augen unter TheoWaigel-verdächtigen Brauen fort, in dem er die Energie, die ganze Leidenschaft seines Pferdes erstmals wieder gespürt habe, sei nicht in Worte zu fassen. Das pure Glück. Der reinste Rausch. Eine heiße Welle der Erleichterung, die durch den ganzen Körper pulst und rast. Fünf Monate lang war Rolando Villazón weg, von der Bildfläche verschwunden. Keine Opern, keine Konzerte, keine Plattenaufnahmen. Und keine PR-Termine. Stattdessen: viel im Kino gewesen und viel im Museum, viel mit den Kindern gespielt. Stimmbandüberreizung, so die offizielle Diagnose. Bei hohen Tönen, erzählt er, habe er sich letzten Sommer wie ein Gewichtheber gefühlt: Einer riesigen Kraftanstrengung folgte kaum Lustgewinn. Singen als Herkulesarbeit. Mit Vitaminen und homöopathischen Absagen war ihm nicht mehr zu helfen.

Wie er heute, nach der Krise, feststelle, ob er sich gut fühle oder nicht? Der Tenor zuckt mit den Achseln, gibt die Frage zurück. Stimmt, irgendwie weiß man es eben einfach. Er persönlich vermeide es, morgens gleich zu sprechen. Erst aufstehen, Wasser trinken, schweigen und dann irgendwann ganz vorsichtig die Stimme bewegen. Außerdem bemühe er sich um eine vernünftigere Organisation: nicht mittags Interviews und abends Konzert, nicht permanent nur unterwegs sein, nicht zu schnell zu schwere Partien angehen, nicht dauernd sich selbst überfordern. Das hört sich gut an. Beherzigenswert.

Dennoch: Wohlig entspannt wirkt Villazón nicht. Sein Comeback im Januar als Massenets Werther an der Wiener Staatsoper fand ein eher geteiltes Echo, auch beim Berliner Verdi-Requiem herrschte keineswegs nur eitel Freude. Er wolle diese Erfahrung nicht missen, sagt Villazón, und man glaubt es dem mittelamerikanischen Melancholiker aufs Wort. Die Krise habe ihn gelehrt, dass man nicht fliegt, nur weil man fliegen will. Sondern dass ein so kostbares Pferd wie das seine sich auch mal verweigert. Dieser Stachel, diese Angst stecke tief in seinem Bewusstsein. Ein Leben ohne Gesang? Warum nicht, eines Tages! Ein Leben ohne Kunst? Niemals! Christine Lemke-Matwey

Heute um 20 Uhr gibt Rolando Villazón in der Staatsoper gemeinsam mit Daniel Barenboim einen Liederabend. Auf dem Programm: Schumann, Duparc und Liszt.

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