Kultur : Das Wachstum in der Krise

Auf der Suche nach dem richtigen Maß: Eine Flut von Büchern erklärt, wie wir anders wirtschaften können.

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Wachstumsexplosion. Ein erstes Schneeglöckchen im Berliner Tiergarten.Foto: dpa
Wachstumsexplosion. Ein erstes Schneeglöckchen im Berliner Tiergarten.Foto: dpaFoto: dpa

Krise? Welche Krise? Als vor wenigen Tagen die versammelten Gäste im Stuttgarter Staatstheater dem Vorsitzenden der FDP und Wirtschaftsminister lauschten, trauten manche ihren Ohren nicht. Wachstum, rief Philipp Rösler beim Dreikönigstreffen ins Mikrofon, Wachstum sei das einzige Rezept, mit dem man die Zukunft bewältigen und den Wohlstand der Menschen sichern könne. Und Wachstum sei, ganz nebenbei, auch das Rezept, mit dem er seine daniederliegenden Liberalen beleben wolle. Denn da ja nun alle Welt Wachstumskritik betreibe, verfolge nur noch die FDP den Weg der Vernunft.

Einmal abgesehen davon, dass Röslers These von einer allseitigen Wachstumsskepsis einen gewichtigen Teil der Realität, auch in der deutschen Parteienlandschaft, ausblendet: Hatte die Welt 2008 mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems nicht erst einen eindeutigen Beweis dafür erhalten, dass die Tonnenideologie vergangener Jahrzehnte nun auch im Finanzmarktbereich an ihre Grenzen gekommen war? Und was ist eigentlich mit den Milliardenschulden, die die europäischen Länder jedes Jahr aufs Neue machen, um Autobahnen zu bauen und die Wirtschaft anzukurbeln? Spätestens jetzt war doch jedem aufgefallen, dass diese Krisen keine vernachlässigbaren Randerscheinungen der Ökonomie sind – sondern Krisen des Systems, Krisen der Gesellschaft, die nach strukturellen Veränderungen rufen.

Man sollte glauben, dass in diesen schwierigen Zeiten gerade die jungen Eliten ernsthaft die Fehler der Vergangenheit analysieren und für die Zukunft planen würden. Wozu sonst sollte es gut sein, einen unter Vierzigjährigen an der Spitze des Wirtschaftsministeriums zu haben, zu dessen Selbstverständnis es seit Ludwig Erhard gehört, die strukturelle Entwicklung von Ökonomie und Gesellschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen? Doch Fehlanzeige. Der amtierende Minister greift lieber in die intellektuelle Mottenkiste und fördert die Wachstumsstrategien der Vergangenheit zutage. Und erklärt sie zu Blaupausen für eine helle Zukunft. Benötigte die deutsche Öffentlichkeit noch einen weiteren Beleg für die Konzeptionslosigkeit der liberalen Partei in ihrer Mitte?

Der allgemeine gesellschaftliche Diskurs abseits Rösler’scher Überlebenskämpfe ist Gott sei Dank längst weiter. Zwischen altem Glauben an das segensreiche Wirken allen Wachstums auf der einen und der (ebenso alten) Ideologie vom altruistischen Verzicht auf der anderen Seite begeben sich Bürger, Denker und Politiker des alten Kontinents auf die Suche nach modernen Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wirtschaftswachstum: ja. Aber welches? Und zu welchem Preis? Die Krisen haben uns wachgerüttelt. Noch sind fertige Modelle nicht erschaffen, noch beherrschen Widerstand (Occupy-Bewegung, Stuttgart 21), Aufstände wie auf der arabischen Halbinsel und Sonntagsreden der Politiker die Szenerie. Aber die Debatte über die Verteilung der Schätze der Erde in den kommenden Jahren ist eröffnet. Zwischen Null und Unendlich wird jetzt nach dem Maß der Mitte gesucht. Endlich!

Dass populärwissenschaftliche Bücher und Schriften rund um das Thema wie frische Brötchen auf die Theken der Buchhändler gekippt werden, versteht sich von selbst. Jeder, der glaubt, etwas dazu zu sagen zu haben, sammelt, analysiert und beschreibt zwischen zwei Buchdeckeln. Mal geht es darum, ob und wie wir uns zu Tode konsumieren. Ein anderes Mal wird uns der technische Fortschritt als einzige Möglichkeit gepriesen, um aus weniger mehr zu machen und dadurch das Überleben der Weltbevölkerung zu sichern. Zuweilen fragt sich der verwirrte Leser, ob es überhaupt erlaubt sein soll, all diese Bücher zum Thema „Beschränkung des Wachstums“ zu erwerben; kostet doch jede Auflage mindestens einen Baum auf dieser Welt das Leben, wird ein wichtiger Teil der Lebensressourcen geopfert, über deren dringlichen Erhalt in den Büchern selbst mit zuweilen drohend erhobenem Zeigefinger geschrieben wird. Warum also sollten die Ratgeber nicht zuallererst selbst ihre Ratschläge beherzigen und – das Zeitalter der neuen Medien hat längst begonnen – ihre Thesen bei Facebook oder auf andere elektronische Weise verbreiten? Geld kann man auch so verdienen und für Dialoge eignen sich die neuen Medien ohnehin besser als der Buchhandel.

Wer einsteigen will in das Thema und auf den Stand der Debatte kommen, dem seien insbesondere zwei aktuelle Bücher empfohlen: Petra Pinzlers „Immer mehr ist nicht genug“ und David Bossharts „The age of less“ („Das Zeitalter des Weniger“). Der Journalistin Pinzler und auch dem Wissenschaftler Bosshart gelingt es, die Notwendigkeit des Umdenkens in Bezug auf das Wachstum schlüssig zu begründen und Gedankenanstöße für ein Leben ohne den verengten Blick auf das Wachstumsstreben zu geben, und zwar – und darin heben sie sich wohltuend von anderen Werken ab – ohne mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger zu drohen. Wir wollen in Zukunft nicht alle in Hanfhemden herumlaufen, damit die Weltmeere nicht verschmutzt und arme Kinder in Indonesien ernährt werden können. Wir wollen besser leben als unsere Eltern und zwar mit unseren Nachbarn und nicht auf ihre Kosten.

Wer sich der Frage nach dem Sinn und auch der Gefahren von Wirtschaftswachstum stellt, kommt sehr leicht zu Einsichten der Begrenzung. Die Folgen des Klimawandels, des Ressourcenverbrauchs und des Bevölkerungswachstums in armen Gebieten der Erde sind allgegenwärtig und nicht zu ignorieren. Man muss sie gedanklich nur um einige Jahrzehnte fortschreiben und ist schon mittendrin in Szenarien, die leicht ins Apokalyptische führen. Doch ist diese Fortschreibung sinnvoll, ist sie nötig? Bosshart tröstet seine Leser, indem er die früheren Irrtümer der Bevölkerungsforscher in Augenschein nimmt. Selbstverständlich, sagt er, werde die Bevölkerung in Asien und Afrika in den kommenden 30 Jahren noch weiter wachsen; aber auch deren Wohlstand wird zunehmen. Was dazu führen wird, dass sich die Geburtenraten dort denen im heutigen Europa annähern. „Vor einer globalen Bevölkerungsexplosion müssen wir uns also nicht fürchten.“ Ja, selbst die Alterung der Gesellschaft muss die Gemeinschaft nicht ins Verderben führen. Denn alternde Gesellschaften sind sozial verantwortlicher als junge, risikobereite.

Wenn wir heute über Wachstumsbegrenzung sprechen, dann geht es nicht darum, das Erwirtschaftete zu erhalten und zu verteidigen, ohne es zu mehren. Wachstum ist in freiheitlichen Gesellschaften unverzichtbar für die Entwicklung. Schließlich werden die Menschen ihr Geld nur investieren, wenn sie eine Vermehrung des eingesetzten Kapitals erwarten können. Wachstum ist also systembedingt. Das wird selbst in den Denkzirkeln grüner Politik nicht mehr bestritten. Die Frage ist vielmehr, welche Qualität Wachstum erreichen muss, damit es nicht zerstörerisches Potenzial birgt, sondern der Gesellschaft Nutzen bringt. Und dabei liegen die Herausforderungen auf der Hand: Wie können wir sicherstellen, dass die Früchte des Wirtschaftswachstums und des technischen Fortschritts möglichst vielen Menschen auf der Welt zugutekommen? Und wie kann es gelingen, die Verteilungsdebatten in entwickelten Ländern wie Deutschland so zu gestalten, dass aus der Begrenzung von Wachstum keine sozialen Auseinandersetzungen entstehen, die zum Schluss in nationale Frontstellungen ausarten.

Dass die Gesellschaft zu diesem Prozess bereit ist, dass sie ihn aktiv und solidarischer als bisher gestalten will, das haben nicht nur die Auseinandersetzungen um den Bahnhof in Stuttgart gezeigt. Wie sinnvoll setzen wir unseren Reichtum ein, das war die Frage, die dahinterstand. Und es ist auch die entscheidende Frage der Zukunft. Die nach dem Maß des Menschlichen.

David Bosshart: The Age of Less. Die neue Wohlstandsformel der westlichen Welt. Murmann Verlag, Hamburg 2011. 233 Seiten, 19,90 Euro.

Petra Pinzler: Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück. Pantheon Verlag, München 2011. 312 Seiten, 14,99 Euro.

Matthias Machnig (Hg.): Welchen Fortschritt wollen wir? Neue Wege zu Wachstum und sozialem Wohlstand. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011. 252 Seiten, 22,90 Euro.

Willi Fuchs: Wachsen ohne Wachstum. Weniger Ressourcen, bessere Technik, mehr Wohlstand. Hanser Verlag, München 2011. 173 Seiten, 19,90 Euro.

Armin Reller, Heike Holdinghausen: Wir konsumieren uns zu Tode. Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2011. 190 Seiten, 12,99 Euro.

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