Kultur : Das wahre Gesicht

P.v.B.

German Faces" hieß eine Sammlung von Porträts und kurzen Bild-Geschichten, die 1950 in einem New Yorker Verlag erschien. Es war das erste Buch, das Amerika den Blick auf den deutschen Alltag nach Hitler eröffnete. Der Verfasser: Henry Ries, 1917 als Heinz Ries in Berlin geboren. Kaum 20 Jahre alt, floh der Sohn aus gutbürgerlicher jüdischer Familie aus Deutschland, entkam in die USA und wurde noch im Krieg amerikanischer Staatsbürger. Als Fotograf des 20. Bomber-Command der Airforce gelangte Ries nach Burma, China und Japan, ab Sommer 1945 dann mit einer Abteilung des militärischen Nachrichtendienstes auch wieder nach Deutschland. Zwischen Ruinen fotografierte Ries das Überleben und Weiterleben, Flüchtlinge, Krüppel, verstockte Mitläufer und wache Mädchen. Von Ries stammen die berühmt gewordenen Bilder der Rosinenbomber über den Köpfen der Menschen auf den Trümmerhügeln von Berlin-Tempelhof. Und in der Tradition der Menschen- und Ständebilder des großen August Sander fotografierte Ries nun auch die "German Faces" der neuen politischen, geistigen, wirtschaftlichen Repräsentanten: Eugen Kogon, Ernst Reuter, Walter Ulbricht, den Bischof Dibelius und den Bankier Abs. Als der Berliner Argon Verlag diese Porträts 1988 erstmals in Deutschland in einem broschierten Bändchen veröffentlichte, entdeckten wir, sehr spät, diesen einstigen Foto-Reporter der "New York Times"; bald gab es dann Ausstellungen, Ehrungen, weitere Bücher. Und nun die Krönung: Henry Ries "Ich war ein Berliner", ein Prachtband im Berliner Parthas Verlag (220 Seiten, 35 Euro). Jetzt folgen wir den Spuren des Bild-Reporters vom Himalaya bis Manhattan, von Berlin bis Paris - hier "Entdecken Sie das wahre Gesicht der zwei Männer, von denen euer Schicksal abhängt", aufgenommen im November 1950. Erinnerungen und Hommage an den heute 95-jährigen Meister.

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