Kultur : Das Wahre, Schöne, Gute

Michael Zajonz

"Es wird erbärmlich schlecht gebaut, und jeder Architekt weiß es." Der so polemisiert, ist Stadtplaner - und er äußert es vor Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern. Doch nicht einmal ein beleidigtes Murren ist von den in branchenübliches Schwarz gehüllten Delegierten der Jahrestagung des Bundes Deutscher Architekten (BDA) zu hören. Und Karl Ganser, bis Ende 1999 Chef der Internationalen Bauausstellung Emscher Park, redet weiter so, schließlich geht es ihm um sein neues Projekt: eine Stiftung für Baukultur, die er im nächsten Jahr mit Unterstützung der Bundesregierung als "Konvent der (Architektur-)Preisträger" gründen will.

Solch eine periodisch zusammentretende Akademie der Besten scheint dringend geboten, um die tief greifende Misere öffentlichen und privaten Bauens und das reichlich angekratzte Image deutscher Architekten positiv zu beeinflussen. Zwei Tage lang hatten sich in Köln auf Einladung von Bundesbauminister Kurt Bodewig Politiker, Architekten, Soziologen und Planer über die im Vergleich mit den skandinavischen Ländern oder den Niederlanden mangelhafte "Baukultur in Deutschland" verständigt (Tagesspiegel vom 11. 12.).

Der vom Architekturtheoretiker und Publizisten Gert Kähler vorgelegte "Statusbericht", ein im Sinne Gansers argumentierendes Gutachten zur architektonischen Lage der Nation, formuliert in 25 Empfehlungen die Grundzüge einer neuen Baupolitik. Die Initiative liegt nun beim Minister. Schließlich wird sich Bodewig den 7000 erwarteten Teilnehmern des 21. Weltkongresses der Architektur im Juli 2002 in Berlin nicht nur mit den neuen Regierungsbauten oder dem euphemistisch als "Rückbau" bezeichneten, milliardenschweren Abrissprogramm für leere Plattenbauten und Gründerzeitviertel in Ostdeutschland präsentieren wollen.

Der "Statusbericht" fordert, Steuerabschreibungen und öffentliche Zuschüsse künftig an die Qualität von Entwurf und Ausführung zu koppeln. Um architektonisches Qualitätsbewusstsein als gesellschaftlich anerkannten Wert zu verankern, sollen eine Architekturberatung nach dem Vorbild der Verbraucherberatung organisiert und ein Schulfach "Lehre von der gebauten Umwelt" eingerichtet werden. Ganser plant die regelmäßige Herausgabe eines "Schwarz-Weiß-Buches", das gelungene Architektur mediokren Beispielen gegenüberstellt.

Allzu plakativ auf die Verbindung von staatlicher Regulierungswut und ethischer Überzeugungsmacht fixiert, wirkt diese wertkonservative Mission im Dienste des Wahren, Guten, Schönen. Ihr pädagogischer Eifer wie die vorgeschlagenen Methoden erinnern nicht zufällig an den 1904 gegründeten "Deutschen Bund Heimatschutz", dessen erster Vorsitzender, Paul Schultze-Naumburg, die gestaltete Umwelt allein durch die Kraft seiner sprachlichen und fotografischen Bilder verbessern wollte.

Da der BDA - wie es sein neuer Vorsitzender Kaspar Kraemer formuliert - wieder Wortführer der Architekturdebatte werden will, widmete sich das Begleitprogramm seiner Berliner Tagung jener längst überfälligen Qualitätsdiskussion. Doch bei der Konzentration auf den Prozess des Planens und Bauens (wenn nicht gar auf den Zustand der Welt) geriet das Gebaute zuweilen völlig aus dem Blick. "Wann ist Architektur gut?", war eine der symptomatisch defensiven Gesprächsrunden im Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ), die nicht nur diese Frage offen ließ, betitelt. Die hier zu Lande bei Architekten und Kritikern dominierende Angst vor einer vordergründig ästhetischen Annäherung an architektonische Qualität unterschätzt gern die kritische Urteilsfähigkeit künftiger Nutzer. Bei diesem Misstrauen wird es wohl noch etwas dauern, bis der BDA seine Architekturlehrer in unsere Schulen entsenden darf.

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