Kultur : Das Wandern ist des Sängers Last

Weltläufig: Der Rias-Kammerchor reist als Botschafter der Musikmetropole Berlin durch die Lande

Frederik Hanssen
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Immer in Bewegung. Die Sängerinnen und Sänger des Rias-Kammerchors auf der Piazzetta des Berliner Kulturforums. Foto: Matthias...

Sonntagmorgen auf dem Flughafen Berlin Tegel. Für den Rias-Kammerchor beginnt ein ganz normaler Arbeitstag. Denn obwohl die Profisänger offiziell in Berlin beheimatet sind, absolvieren sie nur ein Drittel ihrer jährlichen Auftritte in der Hauptstadt. Den Rest des Jahres sind sie unterwegs. Heute geht es nach Amsterdam. Vor zwei Tagen ist das Ensemble gerade erst von einem Gastspiel aus Paris zurückgekehrt, in der kommenden Woche stehen Konzerte in Essen und Luzern an.

60 bis 70 Reisetage pro Saison – das hört sich nach einem spannenden Weltenbummlerleben an. Für Sänger aber bedeutet die Vielreiserei eine extreme Herausforderung. Klimaanlagenluft, das weiß jeder, der regelmäßig fliegt oder im ICE fährt, greift zuerst die Atemwege an. „Ich kenne keinen Chor, der so professionell mit den Belastungen auf Tourneen umgeht wie dieser, der so genau weiß, wie man seine Kräfte einteilt“, schwärmt Rias-Chefdirigent Hans- Christoph Rademann, während die Maschine der KLM ihre Reiseflughöhe erreicht.

Seit Herbst 2007 leitet Rademann das 1948 gegründete Ensemble und hat seitdem vor allem Akzente im Bereich der Barockmusik gesetzt. Johann Sebastian Bach liegt dem Sohn eines sächsischen Kirchenmusikers besonders am Herzen. Er hat als Kind die harte Schule des Dresdner Kreuzchores durchlaufen, gleich zu Beginn seines Studiums den Dresdner Kammerchor gegründet, den er bis heute leitet. Vor seiner Berufung nach Berlin war Rademann Chefdirigent des NDR-Chores, seit dem Jahr 2000 hat er eine Professur an der Dresdner Musikhochschule inne. Ja, gibt der 44-Jährige unumwunden zu, die drei Jobs bringen es mit sich, dass er seit Jahren am Limit arbeitet. Man muss dem Maestro aber nur zehn Minuten lang zuhören, um zu verstehen, dass er gar nicht anders handeln könnte, als jetzt, wo er körperlich fit ist, seine Kräfte voll auszureizen. Schließlich wusste er schon in der sechsten Klasse, dass sein späterer Beruf Dirigent sein sollte.

Hans-Christoph Rademann glüht vor künstlerischer Leidenschaft, nicht ungezügelt-emphatisch im südländischen Sinne, sondern auf eine sehr protestantische, reflektierte Art und Weise. „Eine überzeugende Interpretation ist wie eine gute Predigt“, erklärt er. „Ergriffenheit ist das Ziel.“

Dahin aber gelangt man für Rademann nur, wenn die Balance von Vernunft und Gefühl stimmt. Bachs Publikum konnte die verschiedenen rhetorischen Figuren der musikalischen Klangrede in den Werken des Thomaskantors beim ersten Hören mühelos entschlüsseln – ein Wissen, das heute weitgehend verloren ist. Als Chorleiter, der sich vor allem für Wort- Ton-Beziehungen interessiert, versucht Rademann darum, die Musik so zu strukturieren, so zu vermitteln, dass sie aus sich selbst heraus spricht. Dann nämlich versteht der Zuhörer instinktiv, was gemeint ist: „Ich will nicht als Missionar auftreten, aber ich will klarmachen, warum in geistlichen wie weltlichen Werken die Texte nicht austauschbar sind.“

Neben der inhaltlichen Analyse legt Rademann bei der Arbeit mit dem Rias- Kammerchor aber auch größten Wert auf die Pflege des traditionellen deutschen Chorklangs. Wärme und Farbenreichtum sind seine Ideale: „Da werden wir in den kommenden Jahren noch weiter dran mixen.“ Wie vertraut die Rias-Sänger schon mit ihrem Chef und seinen ästhetischen Maximen sind, zeigt sich abends beim Auftritt mit der Akademie für Alte Musik Berlin im Amsterdamer Concertgebouw. Bei dem ausschließlich Johann Sebastian Bach gewidmeten Abend entfalten sich die Stimmen leicht und selbstverständlich, vor allem die Soprane strahlen geradezu golden. Dass der Rias-Kammerchor regelmäßig a cappella singt, also unbegleitet, macht sich eben auch bei jedem Projekt mit Orchester bemerkbar.

„Diese Formation ist ein einmaliges Kulturgut“, findet Hans-Christoph Rademann. „Anders als bei den großen Chören wirken hier nicht Massen-, sondern Gruppengesetze. Denn bei so einer kleinen Besetzung mit nur 33 festangestellten Mitgliedern kann sich keiner verstecken, ist jeder hundertprozentig gefordert.“ Gerne vergleicht er seine Truppe mit einem PS-starken Auto: „Das gute Gefühl entsteht dadurch, dass man den Wagen nie ausfahren muss. Egal wie schnell man ist, man weiß jederzeit, dass im Zweifelsfall immer noch Luft nach oben ist.“

Eines der ganz wichtigen Themen wird in den kommenden Jahren für Rademann und seinen Chor die Erforschung der Bach-Familie sein: Wenngleich Johann Sebastian auch die große Musiker-Dynastie überstrahlt, so ist unter den Verwandten doch mancher interessante Vertreter auszumachen, wie Rademann jüngst mit Johann Ludwigs „Trauermusik“ bewies.

Doch der Chefdirigent fokussiert nicht nur auf die Alte Musik. Durch Kompositionsaufträge will er gezielt neues Repertoire für Kammerformationen anregen. Und beim traditionellen Neujahrskonzert in der Philharmonie steht diesmal ein Romantiker im Mittelpunkt: Von Robert Schumann, dessen 200. Geburtstag 2010 gefeiert wird, führt der Rias-Kammerchor die abendfüllenden Szenen aus Goethes „Faust“ auf.

Und dann geht es wieder los, für zwei Tourneen nach Italien, aber auch nach Paris, Hamburg, Wismar, Leipzig, zur Burg Lörrach und ins Kloster Eberbach, um nur die Engagements bis zum Sommer zu nennen. Wenn die Sänger dann mal wieder stundenlang auf einem gesichtslosen Flughafen herumlungern müssen, können sie sich damit trösten, dass sie als Botschafter der Musikmetropole Berlin unterwegs sind, um die Worte aus dem „Lied der Deutschen“, zweite Strophe, zu beglaubigen: das mit dem deutschen Sang nämlich, der ja in der Welt seinen alten, schönen Klang behalten möge.

„Manchmal“, sagt Hans-Christoph Rademann, „schießt mir mitten während der Probe ein Gedanke durch den Kopf: Und für dieses Vergnügen wirst du auch noch bezahlt!“

Der Rias-Kammerchor führt in der Philharmonie am 1. Januar um 20 Uhr Schumanns „Faust“-Szenen auf. Weitere Infos: www.rias-kammerchor.de

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