Kultur : "Das war fürchterlich, das musste weg!": eine Diskussion in der ehemaligen Reichsbank

Bernhard Schulz

Die kopernikanische Wende in der Umzugsplanung der Bundesregierung erfolgte 1994, als die Forderung nach Neubauten für alle Ministerien fallen gelassen, stattdessen das vorhandene Gebäude-Potenzial in den Blick genommen wurde. In den Blick geriet damit auch die deutsche Geschichte. Wie mit Architektur umgehen, die in Kaiserreich, NS-Zeit oder DDR errichtet worden ist? Die Antwort fiel pragmatisch aus: Umnutzen, ohne die Baugeschichte zu verleugnen, aber auch ohne sie zum Fetisch zu erheben. Das Ergebnis ist beispielsweise die neue Nutzung der einstigen Reichsbank- und späteren SED-Zentrale am Werderschen Markt durch das Auswärtige Amt. Dort fand eine Podiumsdiskussion zum Thema "Architektur der Berliner Bundesbauten im Spiegel der Geschichte" statt, deren Obertitel "Hauptstadt-Dilemma" flott formuliert war. Aber ein "Dilemma" vermag nur noch zu sehen, wer die renovierten Gebäude nicht zur Kenntnis nimmt. Das oft gefällte Urteil, etwa der Reichsbank-Bau sei "verbraucht", ist mit der sorgfältigen Herrichtung des Gebäudes eindrucksvoll widerlegt. Außenamts-Staatssekretär Wolfgang berichtete, dass dieser Umgang mit dem Gebäude bei diplomatischen Gästen aus aller Welt "nachdrücklich anerkannt" werde. Der "pädagogisch-didaktische" Ansatz in Gestalt von Führungen, Ausstellungen, Hinweistafeln zeige, dass die Geschichte nicht verdrängt wird, wie es für den westdeutschen Umgang mit NS-Architektur lange kennzeichnend war. Markus Meckel, Minister der letzten DDR-Regierung, erinnerte daran, dass in dem Gebäude die Volkskammer-Sitzungen der letzten DDR-Monate stattgefunden haben.

Da hatte dann auch Hans-Ernst Mittig, das kunsthistorische Gewissen der West-Berliner Alt-Linken, nicht viel entgegen zu setzen und fragte eher hilflos: warum der ursprünglich vorgeschlagene Abriss der Reichsbank "so absurd" sei, "wenn gleichzeitig andere historisch wichtige Gebäude abgerissen" würden? Meckel traf den Punkt: "Das DDR-Außenministerium musste weg, weil es fürchterlich war, einfach fürchterlich!" Schlachten von gestern, noch einmal geschlagen: "Der Fall" Reichsbank ist Geschichte, wie sie Podiumsteilnehmer Hans Wilderotter in dem von ihm herausgegebenen Buch "Das Haus am Werderschen Markt" mustergültig dargestellt hat. Auch den anderen, aus früheren Geschichtsepochen herüberragenden Regierungsbauten wären vergleichbar gründliche Monografien zu wünschen.Hans Wilderotter (Hrsg.): Das Haus am Werderschen Markt. Von der Reichsbank zum Auswärtigen Amt. Jovis Verlag, Berlin 1999, 304 S. , 98 DM.

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