Kultur : Das war jetzt die Stuhlnummer

HARALD MARTENSTEIN

VON HARALD MARTENSTEINIm "Spiegel" ist damit gelockt worden, daß in Christoph Schlingensiefs neuer Produktion die Masturbationsszene aus dem Fernsehfilm "Der König von St.Pauli" von der Schauspielerin Astrid Meyerfeldt nachgespielt wird; als begleitende Hochkulturmaßnahme würde uns Frau Meyerfeldt dabei den kompletten Anfangsmonolog aus Goethes "Iphigenie" vorstöhnen.Im Prater, in einem Zirkuszelt.Es wäre bestimmt interessant gewesen.Fiel aber aus.So passierte überraschenderweise nichts Sexuelles an diesem Abend.Schlingensiefs Wahlkampfzirkus "Chance 2000" ist die Inszenierung einer Partei.Politik und Antipolitik.Jede der vorerst 18 Vorstellungen wird als Gründungsparteitag angelegt: Am Ende schlurft das Besuchervolk von seinen Plätzen aus in die Manege und tritt mit Hilfe seiner Unterschrift in Schlingensiefs Partei ein, die stolz darauf ist, von Alfred Biolek, Wolfgang Joop und Harald Schmidt unterstützt zu werden."Chance 2000" will, daß jedes ihrer Mitglieder selbst für den Bundestag kandidiert, direkt.Das darf nämlich jeder deutsche Bürger, sobald er 200 Unterschriften vorlegen kann.Im Erfolgsfalle wären die Wahlzettel im September meterlange Leporellos, keiner blickt durch, jeder wählt sich selber, die Demokratie liegt lahm, und Schlingensief ist King, ein Ereignis aus dem Geiste von Joseph Beuys, dem Propheten einer direkten Demokratie, und von Fritz Teufel.In Prenzlauer Berg hat die Partei angeblich schon 30 Direktkandidaten angemeldet.Demokratie, sagt Schlingensief, ist das letzte Tabu.Schlingensief sagt viel, wenn der Tag lang ist.Die Zirkusfamilie Sperlich wirkte jedenfalls glücklich, so voll war ihr Zelt wahrscheinlich noch nie, und ein bißchen berühmt sind sie jetzt außerdem.Das Vorprogramm zur Parteigründung wird von den Sperlichs und von der Schlingensief-Familie bestritten, also Mario Garzaner, Martin Wuttke, Staatsanwalt Kuhlbrodt und so weiter.Es gibt Ponys, Hochseil- und Ziegennummern, teils von den Artisten, teils von Schauspielern ausgeführt."Du kannst deine Angst bezwingen!" ruft Schlingensief, als er vom Pony springt.Er hat vorher die Worte "Zuschauen", "Können" und "Machen" an eine Tafel geschrieben.Vom Zuschauen zum Selbermachen, das geht im Zirkus wie in der Politik, und dann hat einer der Mitwirkenden eine Kontaktlinse verloren.Er sucht sie noch lange, während Schlingensief mit dem Publikum "Amen" und "Halleluja" skandiert oder zwei Stühle schwenkt ("Das ist die Stuhlnummer! Das ist jetzt die Stuhlnummer!").Es ist bei dem immer unordentlicheren Verlauf des Abends fast unmöglich zu entscheiden, was inszeniertes Chaos ist und welches Chaos sich unaufgefordert eingestellt hat.Die Zwischenrufe - Frau: "Laßt mich raus! Ich muß pullern!", Mann: "Die Heizung abstellen!", Regisseur: "Vater! Vater! Ich will mein eigener Vater sein!" - passen so oder so.Am Ende ruft Schlingensief ein ums andere Mal: "Ist das ordnungsgemäß, was wir hier machen?", während Besucher, Artisten, Schauspieler und dressierte Ziegen ratlos parteigründend unter der Zirkuskuppel umherlaufen.Eine Geigerin spielt Geige, Bilder von Helmut Kohl, Fassbinder, Schleyer lehnen an der Wand.Das hat was, aber was hat es zu bedeuten? Meint Schlingensief es ernst? Die Frage ist falsch gestellt.Man muß, um Christoph Schlingensiefs Theater zu erklären, oder die 90er Jahre zu erklären - was wahrscheinlich auf dasselbe hinausläuft -, noch einmal auf den in den letzter Zeit oft bemühten Schlagersänger Guildo Horn zurückkommen.Horn parodiert das Schlagerwesen, und nimmt es gleichzeitig ernst.Er macht mit und steht gleichzeitig neben sich.Ähnlich verhält es sich mit dem Moderator Harald Schmidt.Schmidt erzählt Polenwitze.Und meint es anders.So, wie Gerhard Schröder gleichzeitig ein Sozialdemokrat und eine gelungene Shownummer ist, und jede gute Tat ein Fall für den Fernsehpfarrer.Christoph Schlingensiefs Wahlzirkus ist eine melancholische, sehnsüchtige Parodie auf Joseph Beuys, auf Fritz Teufel, auf die Zeit, in der es noch Glauben und Politik gab und Grenzen, zum Beispiel zwischen Spaß und Ernst, zwischen Politik und Unterhaltung, Moral und Geschäft, zwischen den Bildern und dem, was sie abbilden.Diese unironische Ironie kann nur funktionieren, wenn sie ernst genommen wird und bis zum bitteren Ende geht: bis zur Kandidatur für den Bundestag.Bis zum Grand Prix de la Chanson.Oder bis zum Polenwitz.Auf den Vorwurf des Zynismus hat Schlingensief in einem Interview mit womöglich echter Verblüffung und einer Gegenfrage reagiert: "Was ist denn nicht zynisch?" Die Interviewer wußten keine Antwort.Eine von den Verhältnissen längst überrannte, schon beinahe rührende Position der 70er Jahre haben vor ein paar Wochen die Münchner Kammerspiele vorgeführt.Die Kammerspiele haben einen Achternbusch-Film und eine Pressekonferenz unter das nur scheinbar kühne Motto "Kohl muß weg!" gestellt.In Bayern geht das noch.Schlingensief hatte kurz zuvor seine "Tötet Kohl!"-Kampagne gezündet.Schlingensief ist es egal, ob Kohl oder Schröder regiert, und töten will er keinen von beiden.Auch diese Kampagne war ein Test, ein Versuch.Was geht? Geht alles? Wäre Schlingensief wirklich für längere Zeit in den Knast gekommen, dann hätte man - in seinem Sinn - gleichzeitig für und gegen diese staatliche Maßnahme sein müssen: Einerseits hat der Staat recht.Andererseits bestraft er nur den Boten für seine Botschaft.So führt Christoph Schlingensief als letzter Mohikaner dem Publikum unter der Zirkuskuppel immer wieder die Moralnummer vor.Er hat ein wenig von seinem Zauber verloren, seit er als eitle Plaudertasche durch die Talkshows zieht und gegen die stark angeschlagene Talkmasterin Sabine Christiansen das Recht des stärkeren Entertainers durchsetzt.Auch Schlingensief wird wie Schröder.Aber sein Theater handelt ja gerade davon, daß es aus den 90er Jahren kein Entrinnen gibt, für niemanden.Deshalb muß man für Christoph Schlingensief sein, immer noch.

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