Kultur : Das Wasser und die Liebe zu den Frauen

Süßes Leben in herberen Zeiten: Das Festival „La Dolce Vita“ verführt Berlin ab heute ins Reich der Italianità

Steffen Richter

Wenn Italien am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt, wird in Berlin das Festival „La Dolce Vita“ in vollem Gange sein. In der Heimat allerdings kann vom süßen Leben derzeit weniger die Rede sein, denn dort brodelt der Streit ums Arbeitsrecht. Außerdem sollen die Geschichtsbücher für Schulen neu geschrieben werden, nicht zuletzt, um die Bedeutung der antifaschistischen Resistenza zurechtzustutzen. Der Ministerpräsident musste gerade wieder vor Gericht erscheinen und offenbart ein wunderliches Verständnis der demokratischen Gewaltenteilung.

Als Jimmy Carter amerikanischer Präsident wurde, so hat der Schriftsteller Daniele Del Giudice kürzlich in Berlin vorgerechnet, konnte man bei ihm lediglich Erdnüsse kaufen. Und selbst dieses Unternehmen hat er während seiner Amtszeit abgegeben. Vom Regierungschef in Rom hingegen könne ein italienischer Bürger heute Aktien, Banken, Zeitungen, Bücher, Fernsehsender und vieles mehr erwerben…

Hat das Istituto di Cultura, die Kulturabteilung der italienischen Botschaft, also die Zeichen der Zeit verkannt, wenn es vom 19. Juni bis 6. Juli ein Veranstaltungs-Feuerwerk italienischer Lebenskunst abbrennt? Wohl kaum. Ugo Perone, der Leiter des Instituts, hat keine italienromantischen Klischees im Sinn: „Nicht nur um den Mythos, auch um die Realität“ des dolce vita soll es gehen.

Im letzten Jahr hatten er und seine Mitarbeiter 12000 Besucher zum Festival „La Piazza“ gelockt. In diesem Sommer ist das Programm zwischen der Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksformen und thematischer Konzentration noch besser austariert. Zum einen wird das Konzept des dolce vita bis zu Dantes „Göttlicher Komödie“ zurückverfolgt. Zum anderen soll seine Ausstrahlung in die Kunst und Kultur der Gegenwart erkundet werden.

Im Kino Arsenal und an der frischen Luft auf der Museumsinsel gibt es Filme von Federico Fellini, Ettore Scola oder Peter Greenaway zu sehen. Das Hebbel-Theater zeigt Eduardo de Filippo, und im Gorki-Theater wird Goldoni gespielt. Luciano de Crescenzo liest im Literaturhaus in der Fasanenstraße, mit Giuseppe Culicchia hat man erstmals einen „Festivalschreiber“ bestellt. Weiter stehen Ausstellungen zu Design, Mode und dem „Caffè als Ritual“ auf dem Programm. Die Akademie der Künste beherbergt eine Bild-Musik-Performance zum ewigen Thema Vespa. Und in Vorträgen und Podiumsdiskussionen wird dem dolce vita in der kollektiven Vorstellung der Deutschen auf den Leib gerückt. Tatsächlich gibt es da einiges klarzustellen. Nach der Uraufführung des mythischen Werks im Februar 1960, so erinnerte sich der Regisseur Federico Fellini, wurden er und sein Hauptdarsteller Marcello Mastroianni von aufgebrachten Zuschauern beinahe gelyncht. „Vagabund“, „Wüstling“ oder „Kommunist“ waren gängige Beschimpfungen. Der vom Vatikan herausgegebene „Osservatore Romano“ wollte den Film in „Das ekelhafte Leben“ umtaufen, jemand forderte gar seine Verbrennung. Außerdem solle man Fellini doch den Pass entziehen.

Was da über die Leinwand lief, war eben keineswegs dolce, sondern bestenfalls dolceamaro, bittersüß. Keiner kommt darin ungeschoren davon. Nicht der dekadente alte Adel, schon gar nicht die Bourgeoisie, aber auch nicht das Vorstadtproletariat oder die Intellektuellen. Bewundernswert hat Fellini den Leerlauf der italienischen Wirtschaftswundergesellschaft, ihre moralische Korrumpiertheit und Bigotterie in Szene gesetzt. Antonio Tabucchi erklärte später, dieser „schrecklichste Film über die Gesellschaft Nachkriegsitaliens“ habe sein Leben verändert und den Anstoß gegeben, das Land in Richtung Paris zu verlassen.

Seinen Zauber bezieht der Film vor allem aus dem göttlichen Dandy Marcello Mastroianni. Mit seinen Zerstreutheiten, seiner Müdigkeit und der immerwährenden Suche nach Frauen ist er in dieser Produktion nicht nur zum Latin Lover par excellence, sondern zu einer Kino-Ikone des bürgerlichen 20. Jahrhunderts geworden. Unvergessen ist die Szene, in der er der blonden amerikanischen Diva Sylvia alias Anita Ekberg in die Fontana di Trevi hinterher steigt. Den gesamten Film durchzieht eine Metaphorik, die das Wasser mit der Liebe zu den Frauen verbindet. Sylvia-Anita entsteigt als Aphrodite, die Schaumgeborene, der Fontana. Die mondäne Maddalena liebt Marcello während eines Wasserrohrbruchs. Und als die Wellen tosend an den Strand von Ostia schlagen, erkennt er in dem Mädchen Paola die Frau der Zukunft. So ist nur folgerichtig, dass Anita Ekberg, in deren Anwesenheit heute Abend auf der Museumsinsel „La Dolce Vita“ gezeigt wird, morgen Mittag auch einen Brunnen am Hausvogteiplatz einweihen wird.

Ist das Festival „La Dolce Vita“ nur eine sanfte mediterrane Brise? Der im Film verborgene Hintersinn, der kritische Lichtblick in die italienische Gesellschaft, dürfte auch bis Berlin noch leuchten. Und am Ende des Festivals soll eine „Viaggio con Federico“, eine Reise mit den Figuren Fellinis durch das Labyrinth der Berliner Brotfabrik, die das römische Teatro Potlach zusammen mit deutschen Künstlern inszeniert, dann nicht nur symbolisch eine Brücke schlagen.

Informationen: www.ladolcevita-berlin.de , Tel.: (030)2699 41 0

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