Kultur : Das Weise im Auge

05.08.2005 00:00 UhrVon Christiane Peitz

Dem Kameramann Michael Ballhaus zum 70.

Als er im Frühjahr 2004 im Kanzleramt über das Kino diskutierte, suchte Gastgeber Gerhard Schröder gerade nach einem Bundespräsidenten. Ja, warum eigentlich nicht Michael Ballhaus? Kameramänner tun sich gewöhnlich nicht durch Freundlichkeit, Weisheit und Verbindlichkeit hervor. Aber wer diesem Kosmopoliten mit Wohnsitz in Berlin, New York und Los Angeles je begegnet ist, weiß um die Herzensbildung von Michael Ballhaus: um seinen unbestechlichen, aber immer gütigen Blick auf die Menschen.

Ein Blick, der längst Legende ist: Ballhaus’ entfesselte und zugleich gelassen schwebende Kamera kreiste in Fassbinders „Martha“ um Margit Carstensen und Karlheinz Böhm: der erste 360-Grad-Schwenk der Filmgeschichte als Panorama eines Liebesverhängnisses.

Sie kreiselte in „Die fabelhaften Baker Boys“ um Michelle Pfeifer auf dem Flügel: lasziv, erotisch, die Liebe diesmal als Spiel. Und sie näherte sich, mit atemberaubender Eleganz, in Scorseses „Goodfellas“ durch Korridore und Restaurantküche den Mafiosi im Edellokal: die Geburt der Gewalt aus der Schwerelosigkeit. „Das fliegende Auge“ heißt das Interview-Buch, in dem Ballhaus Tom Tykwer Auskunft gibt über das Handwerk eines souveränen Virtuosen – und eines Jungen, der leidenschaftlich gerne spielt.

Geboren am 5. August 1935 als Sohn eines Schauspieler-Ehepaars, aufgewachsen in einer Künstlerkommune: Ballhaus, der seit 45 Jahren glücklich verheiratet ist und dessen Söhne mit ihm zusammenarbeiten, hat als berühmtester Kameramann Deutschlands nie die Bodenhaftung verloren. Für ihn ist Kino kein Ego-Shooting, sondern Familiensache. 14 Fassbinder-Filme trugen seinen Ruf nach Hollywood, er drehte mit John Sayles, Mike Nichols, Wolfgang Petersen – und immer wieder mit Martin Scorsese. Längst, und das bedauert er manchmal, steht er als director of photography nicht mehr selber hinter der Kamera, sondern dirigiert Teams und sorgt für das richtige Licht. „Jeder Mensch“, sagt er, „hat das Recht, so schön wie möglich auszusehen.“

Die Einstellung ist die Einstellung. Das magische Auge von Michael Ballhaus hat nie aus dem Blick verloren, wie sehr das Kino eine Frage der Haltung ist. Ballhaus’ Herz gehört auch dem Nachwuchs, er unterrichtet an Filmhochschulen und mischt sich in die Belange der hiesigen Branche ein, etwa als Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie.

Seinen 70. Geburtstag verbringt er am Set von „Infernal Affairs“ mit Jack Nicholson und Leonardo DiCaprio – der siebenten Zusammenarbeit mit seinem Freund Scorsese. Gefeiert wird trotzdem. Morgen, in New York.

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