Kultur : Das weiße Rauschen

Von Salzburg an die Schaubühne: Luk Percevals dröhnender „Molière“

Andreas Schäfer

Wie viel Aufwand dieser Abend betreibt! Vier Stücke von Molière auf einmal. Ein halbes Jahr Proben. Unmengen von Kunstschnee, der stundenlang von der Decke rieselt. Tausende Atemschnaufer, alle über Mikrophon ins Existentielle hinein verstärkt. Hunderte Flüche und Beschimpfungen, in denen die Worte Ficken oder Scheiße vorkommen. Hunderte Versuche, das Phänomen der Liebe in Hunderten gebrüllt, gestöhnt oder geflüsterten Metaphern auf den Punkt zu bringen. Dazu ein halbes Dutzend zerrissener Damenstrumpfhosen und eine Windel für inkontinente Rentner.

Doch an wie wenig man sich noch erinnert, sobald man das Theater gegen halb zwölf verlassen hat! Thomas Bading als Orgon, wie er halbnackt und still verzweifelt im Schneegestöber steht, nachdem er mit anhören musste, wie sein angebeteter religiöser Meister ihn mit seiner Frau betrog. Karin Neuhäuser als Dorine, wie sie mit riesigen Augen und der rauchigen Stimme der Ernüchterten „Ich bin ein Mädchen aus Piräus“ singt. Thomas Thieme als „Er“ – also Molière – wie er immer wieder „Liebe ist“ skandiert, aggressiv wie ein Fußball-Hooligan, untröstlich wie ein verlassenes Kind. Aber der Rest ist so gut wie verschwunden, verschwommen im Weißen Rauschen der Theatertechnik, untergegangen im hochfahrenden Geschepper, mit dem Regisseur Luk Perceval seinen Hauptdarsteller wie einen Rammbock immer wieder gegen das Tor des Absoluten scheppern lässt. Natürlich geht das Tor auf diese Weise nicht auf (einfaches Klopfen hätte da mehr bewirkt); Gott, Liebe, Gerechtigkeit geben keinen Mucks und scheinen mausetot – zum Glück für Perceval und Thieme. Die sind nämlich brennend in die Wut ob dieser unterstellten Abwesenheit verliebt und auf selbstgenügsame Weise entzückt von dem tosenden Echo, das ihr Wüten so abwirft.

„Molière“, in dem Perceval nach einem simpel reimenden Rumpel-Text von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel Szenen aus „Der Menschenfeind“, „Don Juan“, „Tartuffe“ und „Der Geizige“ zu der Biographie eines scheiternden Mannes verschmolzen hat, konzentriert sich ganz auf lautstarkes Leiden, das er im eisigen Bühnenbild Katrin Bracks zum apokalyptischen Groll hoch tunt. Dafür ist Thomas Thieme, mit dem Perceval seit „Schlachten“ zusammen arbeitet, natürlich der richtige Mann. Thiemes monumentale Empfindsamkeit macht aus jeder Gefühlsregung einen Vorgang mythischen Ausmaßes. Meist sitzt oder steht er einfach auf der Bühne wie ein mittelalterlicher Berg, in dessen Höhlen uralte Wesen hausen, und löst mit einem einfachen wütenden Schnaufen ihr flatterndes, wissendes, unheimliches Treiben aus. „Eigentlich bin ich schon tot“, sagt er einmal, und das trifft die Sache genau. Thieme spricht von einem anderen, fernen Ort aus, und das ist, wie immer wenn Thieme auf einer Bühne erscheint, beeindruckend. Doch Perceval ist nicht Einar Schleef, mit dem Thieme in den achtziger Jahren schon in Frankfurt gearbeitet hat. Er hat zwar auch den Willen zum Unbedingten, hält die Spannung seiner stillen Bilder aber nicht aus, flüchtet immer wieder in den Kalauer – und in eine alberne, pseudorebellische fäkale Drastik. Vielleicht passiert einem das, wenn man für die Salzburger Festspiele produziert, wo die Inszenierung vor einigen Wochen Premiere hatte. In Berlin funktioniert es erst recht nicht.

Weitere Vorstellungen heute sowie am 8., 9., 15., 16., 22. und 23. September.

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