Kultur : Das Wesen der Wand

Zeitgeist mit Kratzern: Konzepkünstler Gerold Miller bei Mehdi Chouakri

Christiane Meixner

Die Luft ist raus. Neben die meterhohen Behauptungen vergangener Jahre hat Gerold Miller seine kleinen, farblich modifizierten Aluminumarbeiten aus jüngster Zeit gehängt. Ihr rundes Loch in der Mitte erlaubt einen miminalen Blick auf die Wände dahinter. Doch das ist kein Vergleich zu den benachbarten Riesenrahmen der neunziger Jahre: jenen „Anlagen“, die das Wandweiß wie eine große, schwere Umfriedung einschließen und den Blick dorthin lenken, wo man erst einmal gar nichts vermutet.

„Style“ heißt Millers Ausstellung in der Galerie Mehdi Chouakri, und was dort ab heute abend zu sehen ist, lässt sich nur schwer mit Millers Stil übersetzen. Viel mehr bildet die Kunst eine Art geistiges Auffangbecken, in dem Farben, Tendenzen und Historisches zusammenfließen, um schließlich zu skulpturalen Bildern zu gerinnen.

Nicht einmal das ist zweifelsfrei zu definieren – ob Millers Arbeiten nun dreidimensionale Bilder oder flache Skulpturen sind. Es interessiert aber auch nicht, weil solche Überlegungen längst der Einsicht gewichen sind, dass jedes Objekt im Raum eine skulpturale Setzung vornimmt. Ein Eingriff, der nach dem Domino-Prinzip alles Bestehende umwirft und neue Ansichten generiert.

So versteht sich die strenge und dennoch überbordende Ausstellung zum einen als Arrangement, in dem die Dinge miteinander korrespondieren. Dass Miller frische konzeptuelle Fotografien auf Formate aus gerissenem Papier stoßen lässt und seine „Anlagen“ auf die vergleichweise zwergenhaften „instant visions“ von 2008 treffen, ist ein Dialog der Extreme. Aber auch einer, der den zurückgelegten Weg der vergangenen zehn Jahre sichtbar macht.

Vom hermetischen Farbauftrag ist Miller – zumindest zeitweise – in die alltägliche Welt der Kratzer und kaputten Materialien zurückgekehrt. Davon kündet nicht nur die schwarzweiße Fotografie „Kreuzberg“ auf der Miller seine eigenen Objekte über den schartigen Straßenasphalt zieht. Die Arbeiten hängen auch im Raum und erklären den Zufall, der seine Kratzer nach einem unergründlichen Prinzip ins Aluminum geritzt hat, zum schöpferischen Element. Miller, der Minimalist und Konzeptkünstler, ist zugleich ein Erzähler, der die Wahrnehmung in alle Richtungen zu schärfen versucht. Dafür kuratiert der 1961 Geborene auch selbst Ausstellungen wie 2003 in der Galerie Giti Nourbakhsch und 2005 bei Mehdi Chouakri oder integriert mitunter fremde Arbeiten in seinen eigenen Schauen.

Hier nun springt das Auge vom Bild an die Wand in den Raum und zurück auf die Oberflächen, an deren glänzenden Lacken das Auge kurz abzugleiten droht – an einem Braun wie die Sommermode, einem Pink wie aus dem Supermarkt oder jenem vornehmem Silbergrau, das gerade in der Autobranche en vogue ist. Millers Kunst schöpft ab, was man überall sehen kann und verdichtet diese Eindrücke zu abstrakten Objekten. Vom Sehen über das Bewusstsein zur Reflexion: Das Wenige, was sein Form- und Farbrepertoire präsentiert, enstammt paradoxerweise einer Überfülle, die der Künstler radikal kanalisiert. Und zwar so, wie es der „Style“ der jeweiligen Zeit verlangt. Miller nämlich reagiert auf die herrschende Atmosphäre, den Zeitgeist und seine ästhetische Sprache. Genau das mag es sein, was seine Kunst einen Moment lang so dekorativ aussehen lässt, als sei sie edles Design. Erst aus der räumlichen, zeitlichen oder gar reflexiven Distanz wird deutlich, dass sie ein Konzentrat der Gegenwart in hohen Dosen sind. Die Luft ist längst nicht raus, sondern bloß vakuumverpackt.

Galerie Mehdi Chouakri, Invalidenstr. 117; Eröffnung: heute 18-21 Uhr. Bis 2.8., Dienstag bis Samstag von 11-18 Uhr.

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