Kultur : Das Wetter von morgen

Wanderprediger für die gute Sache: Al Gore und sein Klimaschutz-Film „Eine unbequeme Wahrheit“

Jan Schulz-Ojala

Ein ganz gewöhnlicher Vortragsreisender. Unauffällig seriös und ernstlich unauffällig, der Mann da im Anzug, der auf dem Flughafen sein Rollköfferchen hinter sich her zieht – ein bisschen korpulent geworden in seinen besten Jahren, Seitenscheitel, freundlicher, etwas konturloser Gesichtsausdruck. Ein Mann, dem man sofort einen Gebrauchtwagen abkaufen würde. Und zuhören würde man ihm, eine Zeitlang, wohl auch.

Und zugleich: ein Wanderprediger, und manchmal ziemlich allein. Vor ein paar Jahren noch hätte man sich ihn ohne Security-Drumherum nicht vorstellen mögen, im Normalo-Passagierbereich eines Flughafens schon gar nicht: Al Gore, acht Jahre lang Vizepräsident der USA, war zum Schluss sogar eher fürs Kommando über die Air Force One abonniert. Bevor er Ende 2000 den Präsidentensessel dann doch George W. Bush überließ, dem Landesfrieden zuliebe.

Sehr bald nach dem absonderlichsten Wahlereignis der US-Geschichte – der klare Sieger nach Stimmen scheiterte juristisch äußerst knapp mit seinem Versuch, das chaotisch zustande gekommene Resultat im vom Bush-Bruder Jeb regierten Florida überprüfen zu lassen – fand Gore zu einem Lebensthema zurück: zum Kampf für den Klimaschutz. Kramte einen Vortrag aus den vorpräsidialen Zeiten hervor, polierte ihn auf und begann, engagiert und humorvoll, unterhaltsam und unter weitgehendem Verzicht auf Tremolo für die ökologische Rettung unseres mauen Planeten zu trommeln. „An Inconvenient Truth“ (Eine unbequeme Wahrheit) heißt die Multimedia-Roadshow, mit der Gore seither weltauf, weltab durch Stadthallen und Hotelkonferenzräume tingelt – mittlerweile über 1000 Mal.

Nun gibt es, Wanderpredigertum verpflichtet, den Film dazu: nicht viel mehr als die von Regisseur und Produzent Davis Guggenheim aufgezeichnete Dokumentation eines seiner Vorträge in Amerika, angereichert durch kurze Statements Al Gores zu Lebensereignissen, die ihn zum Umweltaktivisten machten. Ästhetisch ist „Eine unbequeme Wahrheit“ das exakte Gegenteil zum musikzerdröhnten Anti-Bush-Pamphlet „Fahrenheit 9/11“, mit dem Michael Moore 2004 die Goldenen Palme in Cannes gewann – und hat sich doch hinter diesem Spitzenreiter mit 23 Millionen Dollar US-Einspiel zum dritterfolgreichsten Dokumentarfilm überhaupt gemausert. Dabei ist in 96 Minuten nur ein älterer Herr zu sehen, freundlich vor Statistiken, Schautafeln und eingespielten Kurzfilmen herumgehend: Sollte das US-Kinopublikum in Sachen Visual- und Klangreiz unvermutet genügsam geworden sein?

Zwei politische Gründe sind es, die dieses unaufgeregt didaktische Stück Film geradezu magisch erscheinen lassen: eine eigentümliche retrospektive Melancholie, die einen bei den Gore’schen Ausführungen erfasst; und die immer dramatischer wachsende Dringlichkeit seiner nicht einmal besonders originellen ökologischen Thesen.

Was, wenn dieser Mann, der da so unbeirrt für alternative Energien wirbt, indem er etwa anhand schmelzender Gletscher und Polkappen auf die katastrophalen Folgen der Erderwärmung hinweist, am 20. Januar 2001 als Präsident der USA vereidigt worden wäre – statt George W. Bush? Wären die USA nach dem 11. September auf der Basis von Lügen im Irak einmarschiert? Hätten sie durch eine dilettantische Außenpolitik die ohnehin unruhigste Weltregion namens Mittlerer Osten weiter destabilisiert? Wäre die Demontage des demokratischen Selbstverständnisses dieser Nation möglich gewesen, die sich mit Begriffen wie Homeland Security, CIA-Gefängnissen, Abu Ghraib und Guantanamo verbindet? Und: Wie kann ein Bush-Nachfolger diese mittlerweile zahllosen Wunden überhaupt noch heilen?

Andererseits sind es die jüngsten klimatischen Katastrophen, die „Eine unbequeme Wahrheit“ wichtig machen – zuletzt der Hurrikan Katrina, der im August 2005 die Südküste der USA verwüstete. Al Gore zeigt schlicht, dass solche Ereignisse keine Gottesgeißeln, sondern menschengemacht sind. Und er zeigt es im anrührend Kleinen bis zum ökologisch-ökonomisch Großen – vom Eisbär, der im Polarmeer ertrinkt, weil ihm die Schollen wegschmelzen, bis zur US-Autoindustrie, die für ihre Spritfresser auf dem Weltmarkt immer weniger Abnehmer findet.

Auch in solch psychologisch treffenden Appellen an die nationale Wirtschaftsmacht richtet sich der betont allgemeinverständliche Vortragsfilm vor allem an das amerikanische Durchschnittspublikum. Das hat die Nachhilfe teils bereits umgesetzt: Während George W. Bush weiter gegen das inzwischen neun Jahre alte Kyoto-Zusatzprotokoll Front macht (Umweltschützer Al Gore hatte seinerzeit die Unterzeichnung nicht gegen den Senat durchsetzen können), haben 230 US-Städte und sogar ganze Bundesstaaten die darin formulierten Klimaziele einseitig als für sich bindend erklärt. Und wenn selbst Arnold Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, nach dem Besuch von Al Gores Film ankündigt, seinen Super-Size-Geländewagen abzuschaffen – dann dürfte wohl endgültig ein Ruck durch dieses Amerika gegangen sein.

„Ich war mal der nächste Präsident der Vereinigten Staaten“: Mit diesem Lacher stellt sich Al Gore immer seinem Publikum vor. Ob der „Politiker auf Entwöhnung“, als der der 58-Jährige sich selbst bezeichnet, es doch noch mal wissen will? Er dementiert. Aber schön wär’s schon.

„Eine unbequeme Wahrheit“ ist ab Donnerstag in Berlin in den Kinos Cinestar SonyCenter (OV), Delphi, Hackesche Höfe (OmU), International, Kulturbrauerei, Odeon (OmU) und Yorck zu sehen. Die Rezension von Al Gores gleichnamigem neuen Buch ist am 9. Oktober erschienen.

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