Kultur : Das wirkliche Leben

Still und stark: „Sehnsucht“ erzählt ein Ehedrama in Brandenburg – ausschließlich mit Laien

Jan Schulz-Ojala

Es ist ein Hauch von Abschied über all dem, von Anfang an.

Wie das Paar, es ist ein glückliches, ein noch ziemlich junges, kinderloses Paar, abends am See steht, erst ein bisschen mit Abstand wie „Zwei Menschen (Die Einsamen)“ von Edvard Munch; auch als die beiden sich zusammenstellen, Silhouette vor Glitzerwasser und jenseitigem Baumsaum, und ihr Arm im hellen Pullover streicht über seinen dunklen Anorak-Rücken, über eine Oberfläche nur: eine Vergeblichkeit schon in der Bewegung, erster Schmerz.

Oder wie der Mann tanzt zu Robbie Williams’ „Feel“, in der Uniform der Freiwilligen Feuerwehr, wieder sein Rücken, Uniformrücken, Schulterstückrücken, es ist ein Schulungswochenende in der Kreisstadt, es wurde schon reichlich – Prost! Prost! Prost! Kameraden! – gesoffen, und plötzlich ist da einer allein mit der Musik; er wird was anfangen vielleicht, etwas mit sich selber vor allem, und doch ist Abschied über der lang ausgespielten Szene, in der nichts zu sehen ist als ein Mann, dessen eckige Schultern sich zu wiegen beginnen, allein.

Oder später, als seine Frau, es ist eine Chorprobe, plötzlich zu weinen anfängt, sie weiß selber vielleicht noch gar nicht warum, und die Sängerinnen scharen sich ein bisschen um sie, du machst aber auch Sachen, sagen sie, und es ist so viel Wärme da auf einmal ohne viel Reden, und dann singen sie weiter.

Wie einsam die Menschen sind auf der Welt, Glück hin oder her.

Die Geschichte? Ist langsam erzählt. Markus (Andreas Müller) und Ella (Ilka Welz) sind Romeo und Julia auf dem Dorfe in Brandenburg. Das Dorf heißt Zühlen, 200 Seelen, nach Briesen eingemeindet, weshalb wohl auf Markus’ Kleinlaster „Briesen-Zühlen“ steht, Markus ist nämlich Schlossermeister, die Gegend heißt laut Autokennzeichen OPR, Ostprignitz-Ruppin. Wir sind also sehr genau irgendwo, mit sehr genauem, warm tönendem Brandenburger Dialekt, wir sind bei Leuten, in der Stube, in der Werkstatt, im Garten. Und auch Andreas Müller und Ilka Welz sind eigentlich keine Schauspieler, und Anett Dornbusch, die die Kellnerin Rose spielt, ist im wirklichen Leben Kellnerin, aber was ist schon das wirkliche Leben.

Andererseits spielt „Sehnsucht“ überhaupt nicht in OPR, sondern überall. Ist eben Romeo und Julia auf dem Dorfe, und dass ein Kleinlaster durch Gottfried Kellers Welt fährt, das buchen wir jetzt mal unter Anschlussfehler. Oder es ist eine Geschichte aus dem Ende des schon undeutlich werdenden letzten Jahrhunderts, die sich – schönste Idee dieser Berlinalebildertage – die Dorfkinder auf dem Spielplatz erzählen: Wie war das nochmal, mit wem ging der Mann dann nachher, mit der Ersten oder der Zweiten oder der Ersten? Genauer: Mit Ella oder Rose?

Dabei ist die Frage gar nicht: Ella oder Rose. Die Ehefrau oder die Affäre. Das Recht oder die Sünde. Es sind eher die brandenburgischen Feld-, Wald- und Wiesengötter, die einem vierschrötigen Kerl, der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, weil man nun mal bei der Freiwilligen Feuerwehr ist, ein irres Glück schenken, mit dem man nur auf der Erde so verdammt wenig anfangen kann. Und ab und zu schicken sie ihren Götterboten vorbei, kann auch ein kleiner Nachbarsjunge sein; der sieht vorsichtig nach, wie sich die Leute so machen da unten auf der Erde.

So verletzlich, dieser Film, und so stark doch auch. Valeska Grisebachs „Sehnsucht“ läuft im Wettbewerb, steht mitten zwischen den Robert Altmans und Oskar Roehlers, Kraftprotzen und Star-Magneten auf ihre Art. Und als Akteure seiner Dreiecksliebesgeschichte – ach was, nicht mehr als ein zarter Triangel-Ton – hat der Film ein paar Namenlose aufzubieten. Schön frech: Steht einfach da und sagt, ich bin da.

Und jetzt ist das, wenn das Festival so weitergeht, vielleicht der Goldene Bär, deutscher Film hin oder her. Der zweite Film einer 37-jährigen Bremerin, die in Wien Film studiert und „Mein Stern“ gedreht hat, 65 Minuten sehr schöne, komplizierte Annäherung zweier Fünfzehnjähriger, Liebe ausprobieren und so. Fünf Jahre her ist der Film, und die Geschichte ist vielleicht verloren gegangen in ihren Einzelheiten, aber nicht das Gefühl. Dass da Leute waren, die sich zu spielen suchten, Lebensmaterial in Kunst verwandelt, aber das Leben schimmert die ganze Zeit, durchwirkt das Gewollte, das Künstliche. Ein Pulsieren ist da, das nicht aus dem Filmemachen kommt, und sofort verbündet es sich mit etwas in dir, das nicht aus dem Filmezuschauen kommt. Sehnsucht eben.

Hochtauchen jetzt, sich wegdrehen, und Abspann. Einen Augenblick allein sein, bevor jemand was sagt. Nichts schöner als das.

Heute 9.30 und 21 Uhr (Urania), 19. 2., 20 Uhr (International)

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