Kultur : Das Wissen sieht mit

Außer Konkurrenz (1): Lajos Koltai verfilmt Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“

Hans-Jörg Rother

Zweimal gibt der Polizist ihm ein Zeichen, sich im Gedränge auf der Straße davonzumachen. Aber der Junge bleibt regungslos zwischen den anderen stehen. Die Ahnung, was kommen wird, lähmt Gyuri Köves bereits die Füße.

Was kann ein Film über ein Einzelschicksal im Holocaust den Dokumentationen und Büchern hinzufügen? Was kann Lajos Koltai, der jahrzehntelang als Kameramann vielen ungarischen Filmen (unter anderem denen István Szabós) zu großer Bildkraft verholfen hat und auch in Hollywood arbeitete, dem bereits 1975 in Ungarn erschienenen „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész Neues abgewinnen? Was wollen wir noch sehen?

Die Naivität des Jungen, den Kertész ausdrücklich als literarische Figur bezeichnet, hinter der aber zweifelsfrei er selbst steht, ist der Leitfaden durch Buch und Film. Dabei gerät auch der Zuschauer an die Grenze des Begreifens, spätestens wenn Gyuri im Arbeitslager Zeitz, einer Außenstelle von Buchenwald, die Kräfte schwinden. Seinen Höhepunkt erreicht der Film, als der Junge neben anderen Halbtoten im Schlamm liegend auf den Abtransport wartet und in den grauen Himmel starrt, als wäre die Erlösung nahe.

Unser Wissen um die Todesmühlen verleiht der Ankunftsszene in Auschwitz mit den rauchenden Krematorien und der Drangsal im Arbeitslager ihre schreckliche Bedeutung. Zwischen den Häftlingen, den schreienden Kapos und unter den harten Blicken der deutschen Bewacher hat sich der aus einem behüteten Leben gerissene Ungar seine Naivität bewahrt. Wie könnte er sonst dem Aufseher beim Kiesentladen die vom Schaufeln blutenden Hände hinstrecken, als wäre irgendein Erbarmen zu erwarten?

Koltai stellt zwischen uns und das unfassbare Ausmaß des Holocaust diesen jungen Menschen, der mit dem Kraushaar auch sein Lächeln verliert und es bis zum Schluss nicht wiedergewinnt. In den Lagern verlöschen alle Farben zu trostlosem Grau. Man versteht Koltais Versuch am besten als eine Ballade, die eine unerhörte Geschichte wie selbstverständlich, aber mit starker Empfindung erzählen will. Die zu Beginn beherrschende, gegen Ende sich einem Requiem nähernde Musik Ennio Morricones stimmt darauf ein.

Als der Überlebende wieder in Budapest eintrifft, noch immer in seiner Häftlingsjacke, sind die Farben wieder da. Aber im Gesicht von Marcell Nagy, der zur Drehzeit erst dreizehn war, steht die Trauer des Fremden, dessen Schicksal nicht einmal die jüdischen Verwandten begreifen können oder wollen. Daran sollte sich in Ungarn, wie das dortige geringe Interesse für Kertész’ Buch bis zur Auszeichnung mit dem Nobelpreis einmal mehr bewies, wenig ändern. Der Film sagt dies deutlicher als der Roman.

Nach fast zweieinhalb Kinostunden wird kaum jemand das Gesicht von Marcell Nagy vergessen können. Vielleicht ist Naivität ein letzter Zufluchtsort angesichts einer geschäftig über alle Massakernachrichten hinweggehenden Welt. Zwischen Leben und Kunst liegt – und gerade dieser von der Berlinale erst töricht verkannte Film beweist es – eine schmerzhafte Kluft.

Heute, 22.30 Uhr (Berlinale-Palast); morgen 18.30 und 21 Uhr (Urania); 20.2., 23.30 Uhr (Urania)

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