Kultur : Das wohlmalträtierte Klavier

Wie Günther Uecker im Martin-Gropius-Bau ein Mahnmal inszeniert

Gregor Dotzauer

Der Flügel schwarz und ein Krüppel auf zwei Beinen. Am Rand, wo ihm das dritte fehlt, der Blick in eine offene Wunde voller Splitter. Der Meister daneben, der sie ihm geschlagen hat, weiß, ganz weiß, eine propere Frohnatur in Latzhose und Turnschuhen, auch mit 75 Jahren noch ein Kerl mit Kraft. Ich mache das nicht zum ersten Mal, sagt Günther Uecker, der Mann, der mit seinen Nagelobjekten berühmt geworden ist, und legt zwölf Steine aus zum Kreis, auf den er vier Helfer eine quadratische Glasplatte hieven lässt. 1988, zum 50. Jahrestag der Reichskristallnacht in Oerlinghausen, habe ich den „Fall“ in einer Synagoge schon einmal inszeniert, und seitdem fünf oder sechs Mal, immer in Erinnerung daran, dass bei dem Pogrom gegen die Juden nicht nur Scheiben zu Bruch gingen, sondern auch Klaviere aus den Wohnungen geworfen wurden.

Hier aber ist Berlin, ein Raum im Martin-Gropius-Bau, Kapitel 15 der großen Werkschau, die am 11. März beginnt, und es wäre so etwas wie die Stille vor dem Fall, wenn sich rundherum nicht ein Summen und Murmeln und Klicken der Fotografen erheben würde, die darauf warten, dass gleich ein Klavier in hohem Bogen aus dem Fenster fliegt und dann ganz enttäuscht sind, dass die Helfer es nur aus einem knappen Meter Höhe auf die Scheibe fallen lassen. Den Augenblick, in dem das Glas zersplittert, hat noch kein Fotograf draufbekommen, sagt Uecker, aber versuchen Sie es ruhig.

Wollen wir wetten, fragt einer und feuert prophylaktisch schon mal eine Blitzlichtsalve ab. Vielleicht erinnert er sich an Bodo, die Kuh, die der Münchner Aktionskünstler Flatz vor vier Jahren aus 40 Meter Höhe über einer Baustelle in Prenzlauer Berg abwerfen ließ, da war wenigstens noch etwas los, obwohl man sich eigentlich an ganz andere Klavieraktionen erinnern müsste. An den amerikanischen Komponisten George Macunias, der 1962 beim Wiesbadener „Festival für Neueste Musik“ ein ganzes Klavier zersägte, ein Gewaltakt, der John Cages Leidenschaft für präparierte Klaviere auf die Spitze trieb. Oder an Nam June Paiks „Klavier Infernal“, ein mit lauter maschinellen Klanggags und Gadgets aufgemotztes Instrument.

Doch das führt schon viel zu weit weg von Uecker, wie er, ein humanistischer Imperator der Zerstörung, hinter seiner Installation posiert, die eben noch, vor dem Scherbenknall, eine Inszenierung vor geladenen Mediengästen war. Denn was ist das Ereignis dieser Kunst? Ist es der Akt der Zerstörung? Das Fehlen eines größeren Publikums, das erst hinterher, wie damals in der Reichskristallnacht, die Spuren der Gewalt wahrnimmt und sich, wie hier, auf fotografische Zeugnisse verlassen muss, dass tatsächlich etwas geschehen ist? Oder sind es nicht die Trümmer selbst, wie sie daliegen in der Stille nach dem Fall: ein Mahnmal eben, das die Geschehnisse nur noch evoziert und jede Öffentlichkeit vor dem Flügelsturz verboten hätte?

Der Meister klappt den Deckel auf, rührt in den Innereien des invaliden Flügels, er streichelt aus den Eingeweiden ein paar verstockte Töne heraus, beiläufig-souverän, wie er sein kann, weil er der einzige ist, der die Unglücksstelle noch betreten darf. Wie ein Arzt fühlt er den Puls des Patienten, im sicheren Wissen, dass der auch noch ein Dutzend weiterer Aufschläge klaglos überleben würde. Und die Fotografen sagen, stellen Sie sich doch bitte nochmal hinter das Klavier, nein, noch ein bisschen weiter nach rechts, und jetzt stopp.. Und die Kameramänner leuchten mit ihren aufgesetzten Scheinwerfern durch den Raum, als könnten sie von den Gesichtern der schweigsam gewordenen Anwesenden ablesen, was das alles bedeutet.

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