Kultur : Das Wort wird zum Klang, der Inhalt zur Melodie

Wolf Kampmann

Die Epoche der Sinfonien ist vorbei. Wer hat im Zeitalter des unverbindlichen Vier-Minuten-Formats schon noch die Muße, sich konzentriert einer Dreiviertelstunde Musik zu widmen? Doch jetzt kommt einer, der musikalische Formen immer wieder ad absurdum geführt hat, mit seiner ersten Sinfonie. Den Jazzern zu intellektuell, den Neutönern zu dicht am Jazz, fand der österreichische Trompeter und Komponist Mike Mantler mit seiner damaligen Ehefrau Carla Bley und dem Jazz Composers Orchestra schon Ende der sechziger Jahre einen Weg, der jenseits des Third Stream Verbindungen zwischen improvisierter und notierter Musik knüpfte.

Projekte mit Cecil Taylor und Don Cherry sowie später Jack Bruce, Kevin Coyne oder Robert Wyatt beschreiben einen dreißigjährigen Prozess bei dem es vor allem um eins ging: das Neue. Mantlers Musik war zu keiner Zeit in den herkömmlichen Genre-Grenzen einzuordnen. Sein letztes Werk "The School Of Understanding" untertitelte er "Sort of an Opera". Auf seinem neuen Album "Songs And One Symphony" überrascht er schon im Titel mit dem Bekenntnis zu einer musikalischen Form, deren Relevanz stark nachgelassen hat. "Ich weiß nicht, wieviel das Stück mit einer Sinfonie im herkömmlichen Sinn zu tun hat", schränkt er selbst ein. "Mir ging es um das Orchester. Ich habe es verwendet, wie es war, ohne zusätzlich nach sechs Tuben, eine elektronische Harmonika oder Sandpapier, das auf einer Trommel geraschelt wird, zu verlangen." Mantler ging es um ein Stück für ein Orchester, das auf der ganzen Welt in einer bestimmten Instrumentierung besteht. "Den wunderbaren Klang von Haydn bis Varèse wollte ich auf meine Musik anwenden. Sinfonie ist ein Titel. Sie heißt nicht Symphony Number One, sondern One Symphony, also eine Sinfonie von vielen."

Dahinter steckt mehr als nur ein Spiel mit Begriffen. Obwohl Mantler den Gestaltungsmitteln des Jazz treu bleibt, lässt sich in seinem Werk seit Jahren eine Abkehr von der Improvisation wahrnehmen. Am Anfang seiner Laufbahn setzte er lediglich einen orchestralen Rahmen, in dem die Musiker sich frei bewegen konnten. Heute geht es ihm um Risiko-Minimierung und somit Kontrolle.

Es reicht Michael Mantler, die Improvisation auf den Prozess der Komposition zu beschränken. "Ich habe jetzt mehr Verantwortung und will weniger dem Zufall und anderen Musikern überlassen. Der Zweck der Sinfonie besteht darin, dass sie ohne Verlust von Persönlichkeit von jedem Orchester gespielt werden kann. Die Improvisation kommt nur durch mich ins Spiel. Ich lasse das Orchester spielen, wie ich selbst gespielt hätte."

Mantler stellt seiner Sinfonie fünf Songs nach Gedichten des Lyrikers Ernst Meister voraus. Der Übergang zwischen Songs und Sinfonie: fließend. Mantler weiß, aus Wortstrukturen die musikalische Essenz zu filtern. Das Wort wird zum Klang, der Inhalt zur Melodie. Wo andere Musik mit Bildern assoziieren, stellen sich bei Mantler eher verbale Kontexte ein. Er fühlt sich einzig der Textur verpflichtet, und doch ist "Songs And One Symphony" der schlagende Beweis dafür, dass aus dem ehemaligen Musik-Extremisten und Meister der musikalischen Ratio ein heimlicher Romantiker geworden ist.Michael Mantler: Songs And One Symphony. ECM/Universal ECM.

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