Kultur : Das wütende, zärtliche Gewissen

Roman Rhode

Sie gilt als bedeutendste afrikanische Sängerin und wird mit "Mama Africa" oder "Empress of African Music" betitelt. Anfang der sechziger Jahre, als sie in den USA lebte, gehörten bereits Martin Luther King und John F. Kennedy zu ihren glühenden Fans. 1966 erhielt sie den ersten Grammy, der je einem Musiker aus Afrika zugesprochen wurde. Ein Jahr später stieg ihr Hit "Pata Pata" in die Top Ten der US-amerikanischen Pop-Charts auf - für einen afrikanischen Song damals ein Novum. Doch hinter der märchenhaften Erfolgsgeschichte von Miriam Makeba verbirgt sich auch ein Leben voller Unglück, Krankheiten, Scheidungen und Ungerechtigkeiten - wie zum Beispiel dreißig Jahre erzwungenes Exil.

Ihre Gesangskarriere begann Makeba in ihrer Heimatstadt Johannesburg. Später sang Makeba Jazzstandards und Kwela-Melodien in den Bars der Townships, tourte mit den Manhattan Brothers durch Nachbarländer und war Solistin der African Jazz and Variety Show. Den internationalen Durchbruch erlebte sie durch ihre Beteiligung an dem Anti-Apartheid-Film "Come Back Africa". Nach dessen Aufführung 1959 bei den Filmfestspielen in Venedig blieb Makeba in Europa, ging kurz darauf aber in die USA, wo ihr Harry Belafonte Plattenverträge verschaffte. Zwar konnte Makeba die Damen der New Yorker High Society mit extravaganter Garderobe und Haartracht begeistern, fiel 1968 allerdings in Ungnade, als sie den vom FBI gesuchten schwarzen Bürgerrechtler Stokeley Carmichael heiratete. Beide gingen daraufhin nach Guinea, wo sie Staatspräsident Sekou Touré mit offenen Armen empfing.

Dass Makeba, die in der Öffentlichkeit sonst für Bürgerrechte und Demokratie eintrat, sich niemals kritisch über den Linksdiktator geäußert hat, wirft man ihr manchmal noch heute vor. Stattdessen vertrat sie das westafrikanische Land als Botschafterin vor der UNO. Bis die Sängerin 1990 wieder nach Südafrika einreisen durfte, war sie mit Diplomatenpässen unterwegs, die ihr acht verschiedene afrikanische Regierungen ausgestellt hatten. Doch ihr Sendungsbewusstsein ist nicht nur politischer Natur. Der Jazztrompeter Dizzy Gillespie etwa, der Makeba Anfang der neunziger Jahre auf seine Welttournee einlud, schätzte seine Kollegin als sprudelnde Inspirationsquelle für afrikanische und afro-amerikanische Musik.

Bis heute ist ihre polyglotte Stimme ungebrochen, der Hit "Pata Pata" neu eingespielt, und lebendig wie eh und je tourt sie über den Globus. Makeba, die mit ihren wütenden, zärtlichen Songs gleichsam das Wissen und Gewissen des Schwarzen Kontinents verkörpert, wird heute 70 Jahre alt - und erhält aus diesem Anlass den renommierten, mit 106 000 Euro dotierten Polar-Musikpreis.

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