Kultur : Das Wunder in diesem Sommer

JÖRG KÖNIGSDORF

Wäre die Neuköllner Oper rein auf Publikumserfolg und ein volles Haus bedacht, würde das "Wunder von Neukölln" vermutlich noch immer auf dem Spielplan von Berlins vielseitigster Off-Bühne stehen. Doch das, argumentiert Intendant Peter Lund, sei nun einmal nicht der Sinn subventionierten Theaters, man bekäme das Geld schließlich dafür, möglichst viele verschiedene Produktionen auf die Beine zu stellen. Und so setzte er das dauerausverkaufte Stück Ende Januar planmäßig nach acht Wochen Laufzeit ab, um das Siegerstück des Neuköllner Opernwettbewerbs zu spielen - ein seltenes Beispiel kulturpolitischer Redlichkeit. Die himmlische Gerechtigkeit hat es ihm freilich gedankt und dafür gesorgt, daß die Uraufführungsoper "Alice" zum Erfolg wurde. Sogar Zusatzvorstellungen mußten angesetzt werden - wann gibt es das schon bei zeitgenössischer Musik?Die gleiche himmlische Gerechtigkeit mag ihm aber auch den Gedanken an eine Wiederaufnahme des Stückes nahegelegt haben, denn die produktionsbezogen engagierten Darsteller saßen nach dem Ende der Aufführungsserie quasi als Opfer von Lunds kulturpolitischer Redlichkeit auf der Straße. Als Ausweg verfiel man auf eine Auslagerung der Produktion ins Grips-Theater, wo das "Wunder" nun das Sommerloch füllen soll. Eine passende Partnerschaft, die etwas von einer generationenverbindenden Geste hat: Macht Lund mit seinen sozialkritischen Volksstücken doch weiter, wo das Grips-Theater einst vor dreißig Jahren begonnen hatte. Die Handlung des "Wunders" hätte auch von Grips-Macher Volker Ludwig erfunden werden können: Die Penny-Markt-Kassiererin Janine Majowksi bekommt ein behindertes Kind und entschließt sich trotz aller Widerstände, es zu behalten. Ein Fernsehsender schlachtet ihr Schicksal aus und bläst Mutter und Kind zu Medienstars auf. Das klingt erstmal arg sozialkritisch, gewinnt seine Spannung aber gerade daraus, daß ernst genommenes Allerweltsschicksal, beißende Typenkarikatur und drastischer Dialogwitz untrennbar ineinander verschränkt sind ( 23., 25., und 29.7).Durch das "Gastspiel" im Grips ist die Neuköllner Oper in dieser Woche sogar mit zwei parallelen Lund-Produktionen vertreten, denn im Stammhaus an der Karl-Marx-Straße laufen am Samstag noch die beiden letzten Vorstellungen von Frank Loessers Broadway-Musical "How to succed in business without really trying" (16 und 20 Uhr). Das Stück um Konkurrenzkämpfe in einem von Frauen dominierten Konzern ist Produkt von Lunds Lehrauftrag an der Hanns-Eisler-Hochschule und durchweg mit Absolventen an der Schwelle zur Professionalität besetzt. Die Darsteller werden vermutlich bald in alle Himmelsrichtungen zerstreut ihr Geld verdienen, eine Wiederaufnahme ist von daher ausgeschlossen. Trotz lukrativer Vermarktungsmöglichkeiten etwa bei Betriebs-Weihnachtsfeiern - von Lunds ernstgenommenem Kulturauftrag einmal ganz abgesehen (24.7.).

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