Kultur : Das Wunder vom Hanggang

Piepsen in der Morgenstille: Asien-Pazifik-Wochen widmen sich der Kultur Südkoreas

Bodo Mrozek

Als die Koreanerin Insoon Kang ihr Handy verlor, war sie am Boden zerstört. Eine 27-Jährige, den Tränen nahe. Dann meldete sich der Finder des geliebten Spielzeugs, sie zahlte ihm freudestrahlend 20 000 Won Finderlohn (etwa 18 Euro), und die Welt war wieder in Ordnung. Diese anrührende Anekdote erzählt die aktuelle Ausgabe des Bordmagazins „Morning Calm“ der Fluglinie Korean Airlines ihren Gästen und bereitet so den Ortsfremden auf die südkoreanische Alltagskultur vor.

Tatsächlich scheint das Mobiltelefon ein Schlüssel zum modernen Korea zu sein. Denn die Koreaner sind mit ihren Handys förmlich verwachsen. Egal mit wie vielen Taschen, Einkaufstüten oder Pommesspießen der moderne Koreaner beladen ist: Um das Telefon ans Ohr zu pressen, ist immer noch eine Hand frei. Wer gerade mal nicht telefoniert, guckt sich auf dem Display Fernsehsendungen an oder daddelt an Videospielen, die ebenfalls in dem Gerät enthalten sind.

Wie viele asiatische Staaten hat Korea, dessen Kultur und Wirtschaft nun die Asien-Pazifik-Wochen vom 19. September bis zum 2. Oktober in Berlin vorstellen, eine rasante Modernisierung erlebt. „Dynamic Korea“ lautet denn auch das Motto der Nation, das in Seoul Glas und Stein geworden ist. Gegen die Skyline der 12-Millionen-Einwohner-Stadt wirken die Hochhäuser von Frankfurt am Main wie ein schlechter Witz. Ursprünglich eine der ärmsten Agrarnationen der Welt, ist man hier nun auf das „Wunder vom Hanggang“ stolz, benannt nach dem träge durch die Hauptstadt strömenden Fluss Hang. Seit der Tigerstaatenkrise der Neunzigerjahre hat sich Korea auf Informationstechnologie verlegt: Ein eigens beauftragtes IT-Ministerium fördert die Entwicklung neuer Kommunikationstechnik. Doch während man auch hierzulande längst mit Samsung-Handys telefoniert und in Autos des koreanischen Herstellers Kia fährt, ist die koreanische Kultur kaum bekannt.

Dabei hat Korea gerade mit Deutschland viel gemein. Das Land ist immer noch geteilt, und wer in Panmunjom die mit Stacheldraht und Tretminen gesicherte Linie einer der martialischsten Grenzen der Welt betrachtet, wird unwillkürlich an die Berliner Mauer erinnert. Die Landschaft aus sanften Hügeln und schroffen Gebirgen gemahnt an das Alpenvorland, die Koreaner grillen gerne, und das Nationalgericht Kimchi wird für gewöhnlich mit deutschem Sauerkraut verglichen. Anders als in Deutschland ist Folklore aber ein selbstverständlicher Teil der offiziellen Kultur. Die 1962 gegründete National Dance Company, die auf Einladung der Botschaft und der Berliner Festspiele nun in Berlin gastiert, versammelt die besten Tänzer des Landes, doch volkstümliche Tänze wie der Blumen- oder der Trommeltanz gehören ganz selbstverständlich zum Repertoire. Beim Blumentanz etwa schreiten Frauen in der bunten Nationaltracht Figuren, die so ziemlich jeder Koreaner selbst beherrscht. Einmal im Jahr wird auf den Straßen der Hochhausstadt der Erntedanktanz aufgeführt.

Im Nationaltheater probt der Regisseur Lee Youn-taek nebenan ein weitaus moderneres Stück. „Jebi“ (Die Schwalbe) handelt von der Besetzung Koreas durch die Japaner (1910-1945). Das Stück folgt der Tradition des Musiktheaters Changgeuk, einer Mischung aus Gesangssoli und Sprechtheater, und greift eines der sensibelsten Themen der japanisch-koreanischen Geschichte auf: die Verschleppung hunderttausender koreanischer Frauen nach Japan. Bis heute bekennt sich Japan weder zu seinen Kriegsverbrechen, noch rang es sich zu einer Entschuldigung durch. Im Mittelpunkt der choreographierten Erzählung steht eine der so genannten Trostfrauen, die nach jahrelanger Gefangenschaft in Japan vor der Wahl steht, zu ihrem koreanischen Ehemann zurückzukehren oder bei ihrem in Japan geborenen Kind zu bleiben. Verkörpert wird sie von der Sängerin Suksun Ahn, die in Korea als „lebendes Kulturerbe“ gilt, begleitet wird sie von traditionellen koreanischen Instrumenten wie dem mit einem Bogen gespielten einsaitigen Ajaeng.

Die koreanische Musik unterschiedet drei Musiktraditionen. Die Sakralmusik des Schamanismus (Gut), buddhistische Musik (Beompae) und höfische Musik (Gukak). Im staatlich finanzierten Zentrum für Traditional Performing Arts von Seoul werden diese bis zu 5000 Jahre alten Traditionen lebendig gehalten, das Ensemble führt nun erstmals die getragene höfische Musik und buddhistische Vokalmusik im Konzerthaus auf.

Hochmodern ist dagegen das junge koreanisch-chinesische Künstlerduo Young-Hae Chang Heavy Industries. Ihre ironische Arbeit „Cunnilingus in Nordkorea“ simuliert eine Rede des nordkoreanischen Führers Kim Jong-Il über Oralverkehr und andere „fortschrittliche Sexualpraktiken“ des Sozialismus (auf der Website www.yhchang.com zu betrachten). Die Künstler kritisieren die rasante Technisierung des Landes ebenso wie die Macht von Großkonzernen wie Samsung, die Zeitungen, Krankenhäuser, Lebensmittelfabriken und Hotels besitzen. Mit der Gestaltung der „My-Pages“, die jeder Dritte Koreaner im Internet betreibt, werde die erst in jüngster Vergangenheit erworbene Individualität zwar exzessiv ausgelebt, doch nur innerhalb der Grenzen, die die fast alles beherrschenden Konzerne ziehen. Die Beliebtheit von Handys erklären sich die Künstler so: „Wir halten uns die meiste Zeit in öffentlichen Räumen auf: in der Firma, in der U-Bahn, im Restaurant. Mobiltelefone lassen uns glauben, aus dieser Massengesellschaft in die intime Kommunikation mit Freunden fliehen zu können. Doch das ist eine Illusion."

Der 1948 geborene südkoreanische Schriftsteller Kim Hoon, mit dem leider noch nicht ins Deutsche übersetzten Bestseller „Schwertgesang“, eine nationale Berühmtheit, erinnert sich an seine Jugend im vom Krieg verwüsteten Seoul so: „Als ich ein Kind war gab es kein Auto, kein Hochhaus und kein Essen. Wir haben viel geschaffen, dabei aber viel Schuld auf uns geladen. Wir haben die Arbeiter unterdrückt, unsere Gegner getötet und eine Militärdiktatur errichtet. Dies ist die Landschaft unserer Stadt.“ Korea erinnert in vielerlei Hinsicht an Deutschland.

Die Schwalbe: bis 24. September, Haus der Kulturen der Welt (John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten); Koreanische Hofmusik: 19. September, 20 Uhr, Konzerthaus (Mitte); National Dance Company: Korea Fantasy 20. / 21. September, 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele (Schaperstr. 24, Wilmersdorf); Lesung von Kim Hoon und Yi In-Seong: 30.September, 20 Uhr, Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Charlottenburg)

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