Kultur : Das Wunder vom Kiez

Peter Lund, Intendant der Neuköllner Oper, freut sich nach acht Jahren auf neue Perspektiven

Jörg Königsdorf

Ab Mitte dreißig, heißt es, verändert sich beim durchschnittlichen Mitteleuropäer die Lebensperspektive: Selbst der lahmste Langzeitstudent kommt plötzlich auf Touren, der unbekümmertste Dauerjobber denkt mit einem Mal an seine Rente und sucht sich eine Festanstellung. Mitte dreißig, das kommt auch bei Peter Lund ungefähr hin: Mit 36 entschloss er sich, neben seiner Neuköllner Oper auch noch eine Professur für Musical und Show an der Universität der Künste zu übernehmen. Jetzt, nach zwei Jahren Doppelgleisigkeit, hängt er die Leitung der OffBühne zu Gunsten des Beamtenjobs ganz an den Nagel. Und hat mit diesem Entschluss in der Berliner Kulturszene prompt für schlimmste Befürchtungen gesorgt: Denn in den acht Jahren seiner Intendanz hatte der ehemalige Architekturstudent das Etagentheater in der Karl-Marx-Straße zur angesagten Off-Bühne der Stadt mit republikweiter Ausstrahlung gemacht.

Kaum ein Kommentar zu desolaten Situation der drei großen Hauptstadtopern, in dem die Neuköllner Oper nicht als positives Gegenbeispiel gelobt wurde – als ein Haus, das mit vergleichsweise läppischen Subventionsgeldern immer wieder mustergültige Produktionen lieferte, wo barocke Opernausgrabungen ebenso einen Platz hatten wie pfiffige Operetten, zeitgenössisches Musiktheater, Kinderoper und Musical. Eine Insel der Seligen, auf der noch Mut zum Experimentieren herrschte und dieser Mut in der Regel auch mit Erfolg belohnt wurde.

Das alles soll nun mit dem Weggang des Chefs in Gefahr sein, das Erfolgsmodell Neuköllner Oper wieder zur Dispositionsmasse im notorisch klammen Kulturetat werden? „Keine Sorge“, wiegelt Lund ab, „die Fördermittel sind erst mal für die nächsten zweieinhalb Jahre sicher. Da hat das Haus genug Zeit zu beweisen, dass es auch ohne mich auskommt.“ Die Entscheidung, Neukölln zu verlassen, sei ohnehin eher ein „Begradigungsrückzug“, seit Annahme der Professur sei er de facto kaum mehr Intendant gewesen und habe die meiste Zeit am UdK-Schreibtisch verbracht. „Die Neuköllner Oper ist ein Team von zehn kreativen Köpfen und 50 ausgezeichneten Mitarbeitern – die kommen auch bestens ohne mich aus.“

Das kann durchaus sein: Die künstlerische Vielfalt der Ära Lund wurde nicht nur durch den Chef, sondern auch durch die Arbeiten von Regisseuren wie Bernd Mottl und Adriana Altaras geprägt, durch Inszenierungen wie Robert Lehmeiers Aufsehen erregende Männer-„Cosí“ und durch die exzentrischen Musikprojekte von Niklas Ramdohr. Dennoch war es Peter Lund, der vor allem mit seinen eigenen Stücken immer wieder dafür gesorgt hat, dass nicht nur die Kunst, sondern auch die Kasse stimmte: Mit dem „Wunder von Neukölln“, mit der DokuSoaperette „Die Krötzkes“, oder auch mit den landesweit nachgespielten Kinderstücken um die opernhungrige Hexe Hilary. Und was vielleicht noch wichtiger war: In den kulturpolitischen Berliner Endlosdebatten war Lund immer bereit, deutlich Stellung zu beziehen – dass die Neuköllner Oper jetzt doppelt so viel Subventionsgelder bekommt wie zur Zeit seines Amtsantritts, dass im Erdgeschoss mit EU-Fördermitteln ein schmuckes Café-Restaurant samt kleiner Bühne entstanden ist, lässt sich wohl nicht zuletzt seiner Hartnäckigkeit zuschreiben.

Nach außen kämpferisch, nach innen integrativ, künstlerisch und finanziell erfolgreich: Einen Intendanten wie Lund wünscht sich wohl jede Bühne. Und es ist kennzeichnend, dass ein solcher Intendant nach seinem Abgang erst einmal ein Vakuum hinterlässt. Die Leitung des Hauses teilen sich künftig der Chefdramaturg Bernhard Glocksin und der kaufmännische Leiter Sebastian König – von den Regisseuren aus dem Think Tank an der Karl-Marx-Straße war keiner bereit, so Lund, „sich den Laden ans Bein zu binden, erst recht nicht unter den gegebenen finanziellen Bedingungen“.

Er selbst bringt jetzt erst mal sein Abschiedsstück auf die Bühne seines Stammhauses: „Der Elefantenmensch“, sagt er, sei für ihn etwas ganz Neues, keine Sozialkomödie mit Musik, sondern ein historisches Biographical „ohne die üblichen Neuköllner Brechungen“. Anschließend will Lund nach dreijähriger Abstinenz wieder mal ein bisschen an den Staatstheatern inszenieren: eine „Dreigroschenoper“ in Dresden, eine „Dollarprinzessin“ in Erfurt – und vor allem an neuen Stücken arbeiten: ganz in Ruhe, die universitäre Sicherheit im Rücken und ohne Zeitdruck. Was man sich eben so wünscht, wenn man auf die vierzig zugeht.

„Der Elefantenmensch“ mit der Musik von Niclas Ramdohr und dem Text von Peter Lund hat am Donnerstag um 20 Uhr Premiere.

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