Kultur : Das Wunder von Berlin

Fatih Akins Berlinale-Erfolg mit „Gegen die Wand“ ist eine Sensation. Der erste Goldene Bär für einen deutschen Film seit „Stammheim“ beschert dem durchwachsenen Festival ein Happy-End. Und er gibt ihm den Schwung, den es für die Zukunft braucht

Jan Schulz-Ojala

Diese Jury hat Mumm. Die drei einvernehmlich beraunten Favoriten für den Goldenen Bären, Patty Jenkins’ „Monster“, Richard Linklaters „Before Sunset“ und zuletzt noch Ken Loachs „Ae Fond Kiss“, hat sie locker fast komplett ignoriert. Und nur der überragenden Charlize Theron einen Darstellerinnenpreis zugesprochen, den sie sich auch noch teilen muss. Stattdessen hat sie Fatih Akins „Gegen die Wand“, den so weit oben kaum jemand auf der Rechnung hatte, den Goldenen Bären, man darf es fast sagen, geschenkt. Und auch den Silbernen hat sie mit „El abrazo partido“ an einen argentinischen Film vergeben, über den das Festival nicht mehr ernsthaft sprach – und seinem Helden Daniel Hendler den Darstellerpreis dazu! Schwerer Fall von Wahrnehmungsstörung der vier Frauen und drei Männer auf dem Richterbänkchen oder imponierender Nachweis ihrer gemeinsamen Jury-Unabhängigkeit? Egal: Sensation!

Aus deutscher Sicht bringt die Überraschung immerhin gleich ein dreifaches Happy-End – für Fatih Akin, für den deutschen Film und für die Berlinale selbst. Das größte für Fatih Akin selber natürlich. Nicht nur weil der 30-Jährige damit unvermutet nach den Sternen greift, sondern weil er mit seiner blutigen Romanze um den Alkoholiker Birol und die aus ihrer Familie in die Ehe mit diesem Mann fliehende Sibel erst in letzter Minute in den Wettbewerb kam. Seinen Film hatte er zwar extra pünktlich zur Berlinale fertig gestellt, dann aber erst eine Absage für den Wettbewerb bekommen, sagte er vor Festivalbeginn in einem Interview. Von seinem Wunsch, es in Cannes zu versuchen, brachte ihn der Verleiher ab, und als alle sich mit einem Platz im Panorama begnügt hatten, ging’s plötzlich doch in den Wettbewerb. Schon für diese aufwühlende „Die letzten werden die ersten sein“-Saga muss es, Film hin, Film her, einen herzenswarmen Glückwunsch geben.

Beglückend ist das Ergebnis aber auch für den deutschen Film insgesamt. Denn im dritten Jahr der Ära Kosslick hat ein moderner deutscher und multikultureller Film, der zur Hälfte in Hamburg und Istanbul spielt, eine intelligente internationale Jury überzeugt. Viel geklagt wurde zuletzt darüber, dass deutsche Filme es in Cannes schon seit zehn Jahren nicht mehr in den Wettbewerb schaffen – übersehen wird dabei freilich, dass sie auch auf der Berlinale zwar stets irgendwie im Wettbewerb zugegen sind, nicht jedoch als Siegertypen. Die statistische Historie bestätigt das: Die letzten Goldenen Bären für Deutschland liegen – mit Reinhard Hauffs „Stammheim“ (1986) und Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982) – rund 20 Jahre zurück.

Andererseits macht der Akin-Triumph die ebenso superlativtaugliche Blamage vergessen, die Romuald Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder“ dem Festival beschert hatte, samt allen unerfreulichen Begleiterscheinungen. Denn es waren ja nicht nur die deutschen Journalisten, die den Film belacht und nachher kritisch befragt hatten. Auch die internationalen Profis hatten ausgiebig Gelegenheit, ungemütliche Vorurteile über den Zustand der deutschen Filmkunst samt entsprechender Kommunikationskultur zu nähren. Im Lichte der Jury-Entscheidung bekommt das Debakel um den Karmakar-Film, so gesehen, eine dramaturgische Kontrastfunktion: Boring, ennuyeux, noioso, langweilig jedenfalls ist der deutsche Film zurzeit offenbar nicht.

Auch Dieter Kosslick, der Pate oder auch der gute Onkel des deutschen Films, den er vor seinem Festival-Chefjob hauptberuflich nach Kräften förderte, kann sich bei Frances McDormand und ihren KollegInnen bedanken. Denn die Jury adelt damit die beträchtlichen Bemühungen um die Aufwertung des deutschen Kinos auf diesem wichtigsten deutschen und mit Cannes wichtigsten internationalen Filmfestival. Auch wenn – siehe oben – die Sache im Einzelfall fast schief gegangen wäre. Und die Strahlkraft ihrer Entscheidung macht, zumindest hierzulande, nicht nur das insgesamt mäßige Niveau dieses Wettbewerbs, sondern auch die Probleme weit gehend vergessen, mit denen das Festival besonders zu kämpfen hatte.

Das Hauptproblem: die Oscar-Vorverlegung. Bisher profitierte die Berlinale vom Kalkül großer US-Studios, das Festival als prominente Glamour-Rampe ihrer nominierungstauglichen Filme zu nutzen. Diesmal machte man in Berlin die schmerzhafte Erfahrung, dass Stars absagen, weil sie bereits nominiert sind (und die PR nicht mehr nötig haben) oder auch, weil sie nicht nominiert sind (und die PR erst recht nicht mehr nötig haben). Das führte etwa zu der grotesken Situation, dass zum Eröffnungsfilm die Hauptdarsteller Nicole Kidman und Jude Law nicht erschienen. Nichts gegen Lünen und sein verdienstvolles Filmfestival: Aber sind wir hier in Lünen? Die nachgetragenen Verlegenheitsauftritte – etwa von Renée Zellweger oder Jude Law – machen die Schmach, die sie tilgen sollen, nur noch schlimmer.

Nunja, Schmach. Ein Festival: Das sind zuerst seine Filme. Also: im besten Fall sehr schöne Konserven. Aber im Zeitalter von Heimkino und DVD-Perfektion ist so ein Festival vor allem Event. Weltstars müssen her – und das gesamte amerikanische Potenzial am ersten Wochenende verpulvern zu müssen, damit die Oscar-Nominierten bloß rechtzeitig am Montag beim traditionellen Dinner in Los Angeles zusammenkommen, kann auch keine Dauerlösung sein. Vorschlag zur Güte: Die Berlinale macht sich mit einem Befreiungsschlag aus der Oscar-Umklammerung los und verlegt ihren Termin doch, etwa in den frühen März – schließlich nannte Dieter Kosslick seine Berlinale schon jetzt allenthalben ein „Frühlingsfestival“.

Dann würde Cannes, der bedrängte Rivale, wohl endgültig zu zittern beginnen. Sagen jedenfalls Franzosen unter der Hand, die den Betrieb an der Croisette von innen kennen. So wenig in Frankreich Dieter Kosslicks forsches Ausplaudern goutiert wurde, Cannes habe der Berlinale gewissermaßen nach Konkurrenzspielschluss noch drei Filme weggeschnappt („Damit hat er sich selbst geschadet“, war immer wieder zu hören), so eindeutig ist die Kampfansage angekommen. Normalerweise gilt: Ein Festivaldirektor verliert und schweigt. Doch das ist wohl Etikette von gestern. Schließlich wird das Berliner Festival von einem Mann geleitet, der meistens liebenswürdig und selbst im Unliebenswürdigen noch liebenswürdig auftritt – und das hat sich als schwer kopierbares Qualitätsmerkmal dieses Mega-Events längst herumgesprochen.

Wie immer die Berlinale künftig auch terminieren mag: Der von der Öffentlichkeit wenig beachtete, aber für die Branche entscheidende Europäische Filmmarkt, der ans Festival angeschlossen ist, wird im nächsten Jahr noch wichtiger. Und er dürfte Cannes in weitere Bedrängnis bringen. Denn neben Cannes und Berlin gibt es nur zwei Weltfilmmessen: den American Film Market (AFM), bisher kurz nach der Berlinale plaziert, und die Mailänder Mifed im November. Dieses Jahr verlegt der AFM seinen Termin erstmals in den November – und greift damit Mailand an und entlastet Berlin. Folglich wird die Berlinale schon 2005 die unangefochten zentrale Einkäufer-Plattform zwischen November und Mai – und damit auch für die Amerikaner hochinteressant. Kein Wunder, dass die möglichen Folgen dieser Verlegung bei dieser Berlinale zu einem Top-Thema der Branche avancierten. Auch wenn die Protagonisten ihr taktisches Schweigen einstweilen als vorsichtiges Abwarten tarnen: Schon der Hinweis, dass die neuen Pläne ausgerechnet in Cannes offiziell vorgestellt werden sollen, spricht Bände.

Diese Berlinale, Kosslicks Nr. 3, war nach dem heiteren ersten Jahrgang und dem strahlenden zweiten, wo vom Glamour über politische Verve bis hin zum Durchbruch für „Good Bye, Lenin!“ alles stimmte, eher bewölkt. Strichweise mit Regen – wenn etwa manche Absonderlichkeiten im Wettbewerb überhand zu nehmen drohten. Aber nicht jedes Festival strahlt filmisch immer gleich. Immer ist es von den jeweils aktuell zu Film gewordenen schönen und weniger schönen Einfällen der Kreativen abhängig. Das schafft Raum für Zufälle, wenn es ans Entscheiden geht. Erst gegen die Wand zum Beispiel, und dann durch sie hindurch.

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