Kultur : Das Wunder von Berlin

Steffen Richter

Fußball ist nicht bloß ein Spiel, Fußball ist eine verbreitete kulturelle Praxis und nicht zuletzt eine Art Erzählgenerator. Deshalb verwundert es, dass noch kein findiger Marktlückenbesetzer den promovierten Altphilologen und Oberlehrer Konrad Koch zum Romanprotagonisten gemacht hat. Koch war es, der im Oktober 1874 am Braunschweiger Martino-Katharineum das erste Fußballspiel auf deutschem Boden organisierte. Da junge Männer sich lieber betranken als ihren Körper zu ertüchtigen, versuchte Koch, sie „aus ihren dunstigen Behausungen und Kneip-

lokalen in Gottes freie Natur hinauszulocken“, um dort einer neuen Mode zu frönen: dem als „englische Krankheit“ verunglimpften Ballsport.

Damals suchten sich die Spieler bei zu viel Sonne ein schattiges Plätzchen, bei starkem Wind wurde das Spiel abgebrochen. Bevor ein verbindliches Regelwerk entstand, spielte jeder Verein nach eigenen Vorschriften. Und erst langsam kam es zum Übergang vom hohen Spiel (nach dem Modell Rugby) zum Flachpass. Aufgeschrieben haben diese Geschichten aus den Fußballgründertagen Michael Broschkowski und Thomas Schneider in ihrem Buch „Fußlümmelei“ (Transit). Beide Autoren kommen am 10.6. zum Wunder von Berlin, dem Straßenfest der Buchhandlung Hacker und Presting (14 Uhr 15) in der Leonhardstr. 22 (Charlottenburg). Nach der Liveübertragung von England gegen Paraguay tritt Michael Pöppl (17 Uhr) zur Klärung des Verhältnisses von deutscher Geschichte und Fußball an: also Wirtschaftswunder und Wunder von Bern oder Wiedervereinigung und WM-Titel 1990. „Jeder Kanzler“, meint Pöppl in „Der springende Punkt ist der Ball“ (Aufbau), „kriegt den Bundestrainer, den er verdient“. Hm, ein solcher Orakelspruch wird sich wohl erst in ein paar Tagen deuten lassen.

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