Kultur : Das Wunder von Teheran

Jafar Panahis iranischer Fußballfilm „Offside“ im WETTBEWERB

Christiane Peitz

Dies ist der erste Film in der Geschichte des Kinos, dessen Zustandekommen vom Ausgang eines Fußballspiels abhing. Hätte Iran das WM-Qualifikationsspiel gegen Bahrain im Juni 2005 nicht gewonnen, hätte er „Offside“ nicht gedreht, erzählt Regisseur Jafar Panahi auf der Pressekonferenz in Berlin. Erstens wollte er das Publikum nicht mit einem bitteren Ende entlassen, zweitens brauchte er für seine Story den Freudentaumel auf den Straßen von Teheran. Kein Sieg, kein Fest, kein Film: Nicht nur die iranischen Fußballfans, auch das Berlinale-Publikum kann sich also darüber freuen, dass Mohammad Nosrati in der 47. Minute das Tor zum 1:0 schoss.

Dabei ist das Tor nicht zu sehen. Zwar spielt „Offside“ rund um das Match Iran/Bahrain, aber die Kamera bleibt draußen, vor den Toren des Teheraner Asadi-Stadions. Dort stehen die Mädchen, offside, im Abseits: In Iran dürfen ausschließlich Männer ins Stadion. Sie haben sich als Jungs verkleidet, sich Hemden übergestreift und Baseball-Caps aufgesetzt, aber sie werden erwischt: die schüchterne Kleine, die es zum ersten Mal versucht und vor der Leibesvisitation zurückschreckt, die Dribble-Queen aus der Frauen-Mannschaft, die coole, burschikose Raucherin und die Clevere, die es in Soldaten-Uniform versucht hat. Nun warten sie auf den Wagen, der sie zum Revier abtransportiert. Aber auch die jungen Soldaten wollen viel lieber das Spiel sehen, als die Mädchen zu bewachen.

Drinnen toben die Fans, ein Hintergrundrauschen. Draußen toben sie auch: Einer der Soldaten kann durch ein Absperrgitter auf den Rasen blicken, atemlos berichtet er vom Geschehen auf dem Spielfeld. Die Mädchen sind anders als sonst in iranischen Filmen: Fußball-Expertinnen, die sich lautstark einmischen, leidenschaftlich über den Spielverlauf diskutieren, schimpfen, fluchen, kreischen. Nur einmal, als ein Vater auf der Suche nach seiner Tochter aufkreuzt und deren Freundin unter den Mädchen entdeckt, zieht die sich kurz den Schador über.

„Ich bin kein politischer Filmemacher“, betont Jafar Panahi auf der Pressekonferenz und bleibt aus Gründen der Zensur zwangsläufig vage, als es um eben jene geht: Zensur habe es immer gegeben, vor wie nach der Revolution. Ja, sie seien Einschränkungen und Restriktionen unterworfen. Sein Koautor Shadmehr Rastin wiederholt die Formulierung später wortgetreu. Offizielle Sprachregelung. Aber dann berichten sie doch von den üblichen Tricks: wie man ein anderes Drehbuch einreicht und den Namen des Regisseurs verspätet nachliefert. „Offside“ lief auf dem Teheraner Filmfestival, nun hofft das Team auf die Freigabe für einen Filmstart kurz vor Beginn der WM.

Keine der jungen Darstellerinnen konnte nach Berlin reisen. Ihre Festival- Einladungen seien zu spät gekommen, sagt Panahi diplomatisch. Aber die Sache der Frauen liegt ihm am Herzen: Für „Der Kreis“ wurde der Regisseur auf dem Festival in Venedig 2000 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Eine streng komponierte, gleichwohl anteilnehmende Geschichte über die Angst: Iran als Frauengefängnis. Diesmal nimmt er sich Freiheiten, wählte einen dokumentarischen Stil, arbeitete mit Laien und erzählt von einer jungen Generation, die sich nicht länger einschüchtern lässt.

Eins der Mädchen muss auf die Toilette. So gelangt sie, in Begleitung eines Soldaten, doch ins Stadioninnere. Eine aberwitzige Szene: Der Uniformierte streift ihr ein Fußballer-Poster über, damit niemand ihr Gesicht sieht. Die unflätigen Klosprüche an den Wänden möge sie bitte nicht lesen. Gleichzeitig bemüht er sich verzweifelt, für die Dauer ihres Aufenthalts die Toilette männerfrei zu halten. Dass Frauen nicht ins Stadion dürfen, erklärt Panahi, hat auch damit zu tun, dass die Flüche der männlichen Fans nichts für weibliche Ohren sind. Und zeigt im Film, wie die Mädchen selber nicht gerade zarte Vokabeln gebrauchen.

Als zu Beginn der zweiten Halbzeit das ersehnte Tor fällt, werden Slogans skandiert, man liegt sich jubelnd in den Armen. Und in den letzten Spielminuten, als die Radioantenne im Bus zum Revier endlich gerichtet ist, bangen alle gemeinsam. Gesetz hin oder her: Jetzt wird gefeiert, die Mädchen verschwinden zwischen den Autokonvois der Fans. Fußball: ein toller Sport für die Befreiung der Frau.

Vorher hatte die Schüchterne den wegen Knallkörpern ebenfalls verhafteten Jungen um ein paar Wunderkerzen gebeten. „Was, nur Wunderkerzen?“, feixt der. „Ich hätte auch Kalaschnikows im Angebot.“ Es gibt auch schwarzen Humor in Jafar Panahis liebevoller Komödie.

Heute 9.30 und 23.30 Uhr (Urania), 20 Uhr (International)

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