Kultur : Das XXL-Chromosom

King Kong oder Die Liebe zur Übergröße: von Monstern und Seelchen

Christiane Peitz

Size does matter. Es stimmt gar nicht, dass den Frauen männliche Größe egal ist. Wären sie leidenschaftlslos, was das Ausmaß ihres Objekts der Begierde betrifft, gäbe es „King Kong“ nicht, der ab heute erneut die Kinos erobert. Was haben der Film-Gorilla, die Märchen-Riesen, der Zyklop Polyphem in Homers „Odyssee“, Rübezahl und das Krümelmonster gemeinsam? Die meisten von ihnen sind Giganten mit Seele, haarige Affen mit pochendem Herzen, Über- oder Unmenschen mit einem sensiblen Gemüt. Monströs ist ihre Sehnsucht – und ihre Einsamkeit. Nur die weiße Frau kann sie erlösen. Das Grobe und das Zärtliche: „King Kong“ erzählt auch die Legende von der unendlichen Liebe der Frauen, die die Gewaltigen zu überwältigen vermag.

Sie bieten Schutz, sie machen Angst, verbreiten Lust und Schrecken. Das ist das Paradoxe an den XXL-Helden, schon beim heiligen Christopherus, der das Jesuskind durch die Fluten trägt. Nur die pelzigen Kerle aus der „Monster AG“ haben das Fürchtenmachen verlernt. Die Titanen der Griechen, der wilde Mann im Mittelalter, Goliath in der Bibel, Godzilla, Yeti, Superman: lauter sagenumwobene archetypische Chaoten, Weltenschöpfer, Weltzerstörer. Manchmal sind sie einfältig und verzichten wie Fafner und Fasolt in der „Nibelungensage“ auf die Göttin, wenn sie stattdessen mit Tand entlohnt werden. Manchmal sind sie süß, wie das Biest, das der Schönen schöne Augen macht. Manchmal sind sie wütend, wie Rübezahl aus dem Riesengebirge, der um seine Liebste betrogen wird und sich fortan an den Spöttern rächt. Die Kräutersucher nennen ihn auch Herr Johannes ...

Sex, der nicht kuschelig ist. Die rohe Natur. Die Hybris. Der Ur-Schreihals. Der Dämon in jedem von uns. Die Riesen vergrößern zur Kenntlichkeit, was wir nicht in den Griff kriegen, trotz aller Zivilisation. Ein Omnipotenz-Fantasma: Die „50 Foot Woman“ bleibt die Ausnahme; das männliche Publikum hat auch im Action-Kino vor Frauen mit Übergröße zu viele Manschetten. Und was hat das Krümelmonster mit all dem zu tun? Gut, es ist nicht groß, aber unersättlich. Dass es mit Keksen vorlieb nimmt, liegt wohl daran, dass Kermit ihm seine Einsamkeit hin und wieder versüßt. Wenn die Liebe durch den Magen geht, ist sie eine Frage der Portion, nicht der Proportion.

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