Kultur : Das zarte Nuscheln

Claudia Keller

Das Telefon klingelt. SAID nimmt ab. Der 1947 in Teheran geborene Schriftsteller lebt zum Zeitpunkt des Anrufs bereits seit Jahrzehnten im deutschen Exil. Der unbekannte Anrufer schluchzt, stammelt ein paar persische Worte. Ein Bruder sei er und ganz außer sich, weil es ihm endlich gelungen sei, SAIDs Telefonnummer im fernen Deutschland aufzuspüren. Er rufe im Namen der gemeinsamen Mutter an. Die aber hat SAID bisher nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen. Für einen Nachmittag, als er zwölf war. Nun ist er 43. Die Ehe der Eltern wurde geschieden, als die Mutter schwanger war, das Kind, er, SAID, kam zum Vater. Es fehlte ihm, dem Sohn eines iranischen Leutnants im Schah-Regime, an nichts. Außer an Mutterliebe. Und nun, nach so vielen Jahren Schweigen und Abwesenheit, ist die im Iran lebende Mutter fest entschlossen, ihren Sohn aus erster Ehe zu treffen.

Mit dem Anruf beginnen für SAID Wochen des "auf und ab". Vor dem Telefon, vor dem Schalter der Passkontrolle im Münchner Flughafen Riem, in der Ankunftshalle im Flughafen Toronto. Auf und ab. Grübelnd, rauchend, voller Nervosität, voller Angst. Neun Jahre später schreibt SAID, Präsident des deutschen PEN-Zentrums und aktueller Preisträger des Adalbert-von-Chamisso-Preises der Robert-Bosch-Stiftung, über die erste und einzige wirkliche Begegnung mit seiner Mutter. In knappen Sätzen, ohne Floskeln und unverstellt lässt er uns teilhaben an zwiespältigen Gefühlen, behutsamer Annäherung und Distanzierung, an wenigen Momenten des Einverständnisses und vielen des Sich-Verfehlens.

Die ersten Telefonate mit der Mutter holen Bilder aus der Kindheit und Jugend zurück: als SAID im Widerstand gegen den Schah kämpfte, als er nach dessen Sturz mit vielen Hoffnungen nach Teheran zurückkehrte, kurz darauf erneut ins Exil floh. Im Mai 1990 ist es schließlich so weit: SAID und die Mutter verbringen gemeinsam drei Wochen in Toronto, in der Wohnung eines anderen Sohnes der Mutter. "einige briefe kenne ich von dir. eine kindliche, unsichere schrift. keine eigene sprache. der duktus mit religiösen formeln gespickt, mit einer neigung zu pathetik, selbstmitleid und füllwörtern. dann die fotos: immer mit leichter trauer bedeckt. ein hartes gesicht. die augen fliehen die kamera. auch auf gruppenfotos einsam. und du nuschelst stark. sonst weiß ich nichts von dir."

Der 43-jährige Intellektuelle und politische Aktivist aus München trifft auf die 57-jährige Kobra, Hausfrau in der iranischen Provinz und Mutter von sechs Kindern. Zwischen ihnen ein tiefer Graben. Sie versteht nicht, warum er nicht wie sie unter Chomeini leben kann. Minutiös rekapituliert SAID die wenigen Berührungen der fremden Frau, die ihm auch in den drei Wochen keine Mutter wird. Die Art, wie sie mit dem Kochlöffel fuchtelt, seinen Blicken ausweicht, sich in sich zurückzieht. Mal spricht viel Zärtlichkeit aus den Beschreibungen, zum Beispiel, wenn es um ihr Nuscheln geht, das der Sohn wie nichts Zweites an der Fremden liebt. Dann wieder unüberbrückbare Distanz. Sie überwiegt letztlich. SAID hat nicht das Gefühl, wirklich an diese Frau heranzukommen. Auch nicht in jener Nacht, als sie ihm von der kurzen Ehe mit seinem Vater erzählt. Das Kind, zu dem SAID in den Gesprächen zuweilen wird, fühlt sich bis heute von der Mutter im Stich gelassen. Er hat das Gefühl, auf die zentrale Frage, warum ihn die Mutter beim Vater gelassen hat, mit einer vorgefertigten Geschichte abgespeist zu werden, in der die Schuld allein bei der Familie des Ex-Mannes liegt. Sie habe ihr brutal das Kind vorenthalten. Nichts bricht auf, nichts Neues entsteht. Die Mutter fragt ihn nicht nach seinem Leben. Wie es war, als Kind unter Tanten. Wie es ist, als Fremder in Deutschland. Der Abschied in Toronto gerät freundlich, wie bei "menschen, die sich, zufällig, auf einer reise kennengelernt haben."

Die Mutter meldete sich seit der Begegnung in Kanada nie mehr, reagierte nicht auf Briefe, Anrufe. "Ich habe dir nicht gefallen", resümiert das Kind, das kein Sohn werden konnte, und fühlt sich abermals zurückgewiesen. "ich bin nun ad acta gelegt. du hast deinen sohn gesehen. ihm sachgerecht rapportiert. nun bist du beruhigt. der fall ist erledigt. das verletzt." Aus jeder Zeile spricht der Schmerz und die Verbitterung, die diese Verletzung hinterlassen hat. Zehn Jahre später versucht SAID schreibend einen Schlussstrich zu ziehen, endgültig Abschied zu nehmen. Nicht nur von der Mutter, sondern, was, genauso schmerzhaft ist: "abschied von einem land, das sich mein vaterland nennt, das ich - trotz alledem - noch als mein land bezeichne." Es ist ein Buch, das auf selten unpathetische Weise erahnen lässt, wie sich Einsamkeit und Verlassenheit anfühlen können und was es bedeutet, in der Fremde zu leben.

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