Kultur : Das Zeitmotiv

UWE SCHLICHT

Die Jahrhundertwende, die zugleich eine Jahrtausendwende ist, rückt unaufhaltsam näher.Die älteste deutsche Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina in Halle (gegründet 1652), hat daher ihre Jahresversammlung dem Thema "Altern und Lebenszeit" gewidmet.Dabei geht es nicht nur um das Altern des Menschen oder das Altern in der Biologie, Chemie und Physik, sondern auch um das Altern unseres Jahrhunderts.Genau dieser Analyse widmete der Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs, Wolf Lepenies, seinen Festvortag.

Lepenies nähert sich dem Thema auf verschiedene Weise.Einmal in Erinnerung an das Fin de siècle zum Ende des 19.Jahrhunderts, als mit diesem "chronologischen Kampfbegriff" die ideologischen Lager versuchten, Einfluß auf die Politik zu nehmen.Arnold Toynbee schreibt in seinen Erinnerungen und seiner philosophischen Geschichtsbetrachtung, daß anläßlich der diamantenen Hochzeit von Queen Victoria im Jahr 1897 die Ansicht verbreitet war: "Hier sind wir nun auf dem Gipfel der menschlichen Entwicklung, und hier werden wir auf ewig bleiben.Natürlich gibt es immer noch so etwas, das man Geschichte nennt, doch die Geschichte ist eine unangenehme Sache, die nur anderen Völkern zustößt."

Für das ausgehende 20.Jahrhundert hat der renommierte Historiker Eric Hobsbawm eine völlig andere Sicht geboten.In seinem Werk "Age of Extremes" sagt Hobsbawm gleich im Untertitel, worum es ihm geht: um das kurze 20.Jahrhundert, das er nur in die Zeit von 1914 bis 1991, vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch des Kommunismus, einordnet, während er das 19.Jahrhundert ausgesprochen lang mit der Französischen Revolution von 1789 beginnen und erst 1914 enden läßt, ihm also 125 Jahre zubilligt.Lepenies zitiert aus dem Schlußkapitel von Hobsbawm die Aussage: "Die Kräfte, die durch eine auf dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt beruhende Wirtschaft erzeugt wurden, sind jetzt stark genug, um die Umwelt, das heißt die materiellen Grundlagen menschlichen Lebens, zu zerstören.Die Strukturen menschlicher Gesellschaften, darunter die Grundlagen der kapitalistischen Wirtschaft, beginnen durch die Erosion dessen zerstört zu werden, was wir von unserer menschlichen Vergangenheit ererbt haben.Unsere Welt steht vor den Gefahren einer Explosion und Implosion zugleich.Sie muß sich wandeln (...) Der Preis für unseren Mißerfolg, das heißt die Alternative zu einer geänderten Gesellschaft, ist Dunkelheit."

Eine ganz andere Perspektive hat der diesjährige Nobelpreisträger für Ökonomie, Amartya Sen.Sein Resümee des 20.Jahrhunderts klingt optimistisch, wenn er festzustellen meint, daß die Menschheit ihr universales Ideal mit dem Streben nach Demokratie gefunden habe.Denn nach dem Fall des Kommunismus werde Demokratie überall auf der Welt zumindest erwünscht.

Wieder ganz anders liest sich die ökonomische Vision von Giovanni Arrighi, der ein langes Jahrhundert der Krisen erlebt hat, nämlich eine dreißigjährige ökonomische Krise von 1914 bis 1945, den Ölschock der siebziger Jahre und die Beschäftigungskrise der 90er Jahre.Lepenies folgert, daß sich in diesen verschiedenen Interpretationen die "weltweit wachsende Ungleichheit als das Kernproblem unserer Zeit" zeigt.Der Traum, daß in der Demokratie prinzipiell jeder Reichtum erwirtschaften könne, habe sich zumindest in den Ländern der Peripherie nicht erfüllt.Der Fall des Kommunismus habe daran nichts geändert.

Kein Wunder, daß Lepenies nicht allzuviel von den optimistischen Einschätzungen hält, wie sie in dem Essay des amerikanischen Politologen Francis Fukuyama unter dem Titel "Das Ende der Geschichte" geboten werden.Fukuyama benutze den metaphorischen Zusammenhang von Lebens- und Weltzeit zur Stützung seiner These vom Ende der Geschichte.Danach ähnele die Menschheit zur Zeit einem einzelnen Menschen, der alle ihm nur möglichen Erfahrungen gemacht hat und der dadurch weise geworden ist.In diesem Sinne mündet der Vergleich dann in der These, daß ein solcher Mensch nicht vergreist, sondern immer die Dinge beherrschen werde, die zu seiner Jugend paßten: "Der Mensch wird niemals degenerieren, und dem Wachstum und der Entwicklung des menschlichen Wissens sind keine Grenzen gesetzt."

Aber Lepenies erinnert diese Beschwörung allzusehr an die Kindheitserinnerungen Toynbees vor 100 Jahren ebenfalls am Ende des Jahrhunderts.Wesentlich mehr Sympathie bringt Lepenies der Sicht des französischen Mathematikers und Philosophen der Aufklärung, Antoine Marquis de Condorcet, entgegen, der in seiner Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes geschrieben hat: "Würde es nach alledem widersinnig sein vorauszusetzen, daß die Vervollkommnung des Menschengeschlechts eines unbegrenzten Fortschritts fähig ist; daß eine Zeit kommen muß, da der Tod nunmehr die Wirkung außergewöhnlicher Umstände oder des immer langsameren Abbaus der Lebenskräfte sein wird ..." Und Condorcet fährt fort: "Ohne Zweifel wird der Mensch nicht unsterblich werden; aber kann nicht der Abstand zwischen dem Augenblick, in dem er zu leben beginnt, und der Zeit sich unablässig vergrößern, da sich bei ihm von Natur aus, ohne daß er krank wäre oder einen Unfall erlitten hätte, die Schwierigkeit zu sein bemerkbar macht?"

"Die Schwierigkeit zu sein" - diese Erkenntnis scheint für Lepenies am ehesten dem Zeitverständnis gerecht zu werden.

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