• Das Zlatko-Prinzip: Henryk M. Broder über Birgit Breuel, "Big Brother" und die Neonazis (Glosse)

Kultur : Das Zlatko-Prinzip: Henryk M. Broder über Birgit Breuel, "Big Brother" und die Neonazis (Glosse)

Birgit Breuel, die Chefin der Expo, bekommt ein Jahresgehalt von 800 000,- Mark plus 500 000,- Aufwandsentschädigung. Macht zusammen 1,3 Millionen Mark jährlich. Das klingt nach sehr viel Geld, ist es aber nicht, wenn man bedenkt, was Frau Breuel so leistet. Sie steht um vier Uhr auf, spielt den ganzen Tag die Grüßaugustine, muss dem Prinzen von Hannover die Hand geben, sich von Wibke Bruhns nachsagen lassen, "ihre Liebenswürdigkeit" erschließe sich "nicht jedem auf Anhieb", alle Berichte über die Expo lesen und wird am Ende abgewatschelt, weil die ganze Kiste gerade mal zweieinhalb Milliarden Miese einfährt. Undank ist der Welten Lohn, da sind 1,3 Millionen Mark kein pompöses Gehalt, sondern bestenfalls bescheidenes Schmerzensgeld.

Ganz anders dagegen Zlatko. Der schläft bis zum Mittag, hat eine Agentur, die ihn rund um die Uhr betreut, und Millionen Fans in der ganzen Republik. Er kann es sich inzwischen sogar leisten, der Bundesregierung mitzuteilen, er stehe für ihre PromiParade gegen den Rechtsextremismus "nicht zur Verfügung". Mögen andere ihr "Gesicht zeigen", Zlatko zeigt allen den Mittelfinger und macht, was er will. Denn Zlatko ist mit nur einem Song ("Ich vermiss dich wie die Hölle"), von dem 850 000 Stück verkauft wurden, Plattenmillionär geworden. Er hat mit einem Vierzeiler, den er so elegant vorträgt, wie Angela Merkel ihre Kleider vorführt, ungefähr so viel eingenommen, wie Frau Breuel im Jahr verdient. Das mag man unangemessen finden, aber die Verhältnisse sind nun mal so. Frau Breuel repräsentiert die "old economy". Auf der einen Seite ein gewaltiger Aufwand und ein ebensolches Defizit, auf der anderen Seite das Zlatko-Prinzip: minimaler Aufwand und ein Riesengewinn. So muss es sein.

Man könnte sich nun fragen, wie die Sache von Input und Output aussehen würde, wenn Zlatko Chef der Expo wäre und Frau Breuel singen würde. Wahrscheinlich wäre das Defizit der Weltausstellung auch nicht größer, und Frau Breuel könnte einen Superhit landen, wenn sie nur einen Song singen würde, den ihr Stefan Raab auf den Leib schreiben müsste: "Niemand vermisst mich!" Was Regina Zingler geschafft hat, das schafft Birgit Breuel noch vor dem Frühstück. Und auch Zlatkos Beispiel ließe sich weiter entwickeln. Er hat bewiesen, dass man nicht viel lernen und nicht viel wissen muss, um erfolgreich zu sein. Man muss nur, wie es heute heißt, "eine Perspektive haben". Das ist es, was den meisten Jugendlichen fehlt, weswegen manche ihre Wut an Ausländern auslassen. Hätten sie nur "Perspektive", würden sie sich wieder ordentlich lange Haare wachsen lassen, die Springerstiefel in den Schrank stellen und Radio Multikulti hören. Hier sind nicht nur die Bundesregierung und die Gesellschaft gefordert, sondern vor allem die Macher von RTL 2. "Big Brother" soll ausgebaut werden, unter anderem soll es eine Folge nur für Dicke geben. Wie wäre es mit einer Folge für rechtsextreme Jugendliche?

RTL 2, wo man bereits Naddel und Jürgen Drews erfolgreich resozialisiert hat, wäre für ein solches Projekt die richtige Instanz. Es hätte den Vorteil, dass nicht nur zehn Glatzen zeitweise aus dem Verkehr gezogen wären, sondern dass auch Hunderte ihrer Freunde jeden Abend vor dem Fernseher sitzen und Daumen drücken würden, statt Ausländer durch die Straßen Brandenburgs zu jagen. In Guben, Cottbus und Eberswalde würden sich die Bürger abends wieder auf die Straßen trauen, und auch die Polizisten müssten keine Angst mehr haben, als Feiglinge im Dienst beschimpft zu werden.

Von Montag bis Freitag wäre Ruhe in der Republik. Nur für die langen Wochenenden müsste noch eine Lösung gefunden werden. Auch hier käme das Zlatko-Prinzip - wenig Aufwand, maximale Wirkung - zum Einsatz: Freifahrten zur Expo mit Freibier und Wettpinkeln am türkischen Pavillon um den Ernst-August-Preis mit anschließendem Rundgang durch die Ausstellung.

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