Kultur : DasTischtuch ist zerschnitten

Berlins Intendanten steigen aus der Operndiskussion aus

Frederik Hanssen

Die Berliner Operndiskussion ist beendet. Zumindest jene zwischen Kultursenator Thomas Flierl und den Intendanten der Häuser. In einem Brief haben Peter Mussbach (Staatsoper), Albert Kost (Komische Oper) und Udo Zimmermann (Deutsche Oper) erklärt, sie würden sich an den Gesprächen über eine Lösung des seit langem schwelenden Konflikts nicht mehr beteiligen. Einen ähnlichen Brief hatte der Kultursenator erst kürzlich auch vom „Rat für die Künste Berlin“ erhalten, der Interessenvertretung (fast) aller hauptstädtischen Kultureinrichtungen. Ist Flierl mit seinem Latein am Ende? Sollte ausgerechnet der Mann in der langen Reihe der Nachwende-Kultursenatoren, der sich am wenigsten für die Oper interessiert, als Musiktheater-Killer in die Geschichte eingehen?

Im Gespräch mit dem Tagesspiegel gibt sich der Senator gelassen und spricht von einer „Krise vor dem Durchbruch zum Erfolg“. Er rechne fest damit, dass die drei Intendanten am 22.Dezember zurückkehren werden, um ein weiteres Mal über den umstrittenen Vorschlag zu diskutieren. Flierl schlägt ein „Drei-Säulen-Modell“ mit einem organisatorischen Koordinator an der Spitze einer Stiftung aus drei autonomen Häusern vor. Allerdings sollen die Theater untereinander für Defizite der anderen geradestehen. Darauf will sich natürlich keiner einlassen. Außerdem müssen bei dieser Variante neun Millionen Euro eingespart werden, was bis zu 200 Entlassungen bedeuten kann.

Dass der Senator die drei Häuser wirklich retten will, nimmt man ihm nach den Bemühungen der vergangenen Wochen ab – doch ohne den Rückhalt der Intendanten für seine Reform ist die Position des PDS-Manns zu schwach im Senat. Denn die Spitzen der Berliner SPD sind wild entschlossen, die Fusion zweier Opernhäuser durchs Parlament zu pauken. Peter Strieder und Thilo Sarrazin, Annette Fugmann-Heesing und Helga Dunger-Löper heißen die Protagonisten der sozialdemokratischen Planierraupe. Nur ein Machtwort des Regierenden Bürgermeisters kann das noch aufhalten – doch Klaus Wowereit schweigt. Dem Musiktheaterfan, der sich beim politischen Aufstieg auch durch kernige Parolen pro Kultur profilierte, liegt die Oper offensichtlich doch nicht so am Herzen, dass er dafür seine Richtlinienkompetenz ausreizen und sich mit den Parteifreunden anlegen will.

Es sieht düster aus für die drei Opernhäuser. Die Politiker trauen sich nämlich deshalb so ungeniert mit ihren Abwicklungsplänen heraus, weil sich kein Widerstand gegen die Fusionspläne regt. Wo sind die Unterschriftenlisten, die seit Monaten in jedem Theater ausliegen müssten? Wo bleiben die Protestbriefe, mit denen der Senat zugeschüttet werden könnte wie Gerhard Schröder mit letzten Hemden? Nichts. Still ruht der See. Keine Opern-Demo vorm Roten Rathaus. Nicht einmal die Freundeskreise der Opernhäuser melden sich zu Wort.

Und nun auch noch der Aufstand der Intendanten gegen den Flierl. Was aber sind die Alternativen? Die unlängst publizierten Ideen von Ex-Festspielchef Ulrich Eckhardt zum Thema scheiden aus, weil damit kein Einsparpotenzial verbunden ist. Daniel Barenboims Träume von einem „Kulturforum Mitte“ mit Staatsoper, Komischer Oper, Konzerthaus und Musikhochschule unter seiner Ägide würden die Identität der Institutionen zerstören. Die Fusion zwischen Deutscher Oper und Staatsoper ist nur ein verdeckter Schließungsplan, weil die Befürworter damit gleichzeitig die jeweilige Belegschaft halbieren möchten. Und auch die Festspielhaus-Variante (für Lindenoper oder Deutsche Oper) würde den Verlust von extrem vielen Arbeitsplätzen bedeuten. So gesehen ist die Stiftungs-Holding, in die im Idealfall der Bund mit einer Minderheitsbeteiligung eintreten könnte, das vielleicht plausibelste unter den einschneidenden Szenarien.

Eine weitere Variante freilich gibt es noch: Man wirft alle Intendanten und Chefdirigenten von gestern raus und holt sich einen eisenharten Kulturmanager aus den USA, der ruckzuck in Berlin die „Londoner Variante“ anwendet: Wie im Fall des Royal Opera House werden alle Angestellten entlassen. Wer mag, kann sich hinterher zu schlechteren Konditionen wieder einstellen lassen. Als nächstes werden die Kartenpreise verdoppelt und die Anzahl der Vorstellungen halbiert, weil man auf personalsparenden Stagionebetrieb umstellt. Das Marketing wird von Musical-Profis auf massentauglich getrimmt, künstlerische Experimente fallen bis auf weiteres aus – und schon sind jeden Abend die Buden voll. Die Frage ist nur, ob die Hauptstadt einer Kulturnation diese Art von Oper haben will.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben