Kultur : Daumenkino

Takako Kimura bei Murata & Friends Berlin

Thea Herold

Drei Monate Fleißarbeit sind jenem roten Kreis auf weißem Stoff vorangegangen, den Takako Kimura an der Wand befestigt hat. So lange sammelte die japanische Künstlerin die Namen ihrer Landsleute in Form kreisrunder Schriftzeichen. Als Namensstempel. Tausende dieser Zeichen fügen sich nun zu einem filigranen Ornament aus Stempeltusche mit dem Titel „Man no Maru“ (Flag of Ten Thousend).

Groß wie eine Staatsflagge prangt die Edition (5er-Auflage, je 3000 Euro) in der Galerie Murata & Friends. Wer sich an die bunten Regalwände mit den „lunch boxes“ der 1974 geborenen Künstlerin erinnert, der sieht in ihrer dritten Berliner Einzelausstellung den streng konzeptuellen Ansatz der Arbeiten klarer als je zuvor. Kimura hat ihre eigene Version einer „Slice“-Technik entwickelt, mit der sie Innen- oder Außenräume erst dank zahlloser digitaler PC-Ausdrucke scheibchenweise zerlegt und dann wieder zusammensetzt. So enthalten ihre Objekte neben der räumlichen eine zeitliche Dimension. Es scheint, als manifestiere sich in den kleinen Papierblöcken all die Zeit, die die Künstlerin mit dem Sezieren ihrer urbanen Szenerien etwa aus Tokyo verbracht hat. Die Frontalansicht zeigt erst nicht viel mehr als pure Farbstreifen. Nimmt man die Arbeit dann in die Hand, kann man sich das Geheimnis der abstrakten Bilder allerdings erblättern: Aus der Summe von Farbe, Papier und Bewegung entsteht ein raschelndes Daumenkino.

Solche Phänomene lassen sich in Kimuras textilen Werken nicht entdecken. Was auch daran liegt, dass für die meisten Besucher die Namensstempel unlesbar sind. Im fernen Osten werden wir zu Analphabeten, und für den Europäer wirkt ein Buchstabennetz eher ornamental. Erst wenn er die Namen hört, entfaltet sich der volle Reiz der Kunst. Namen, geheimnisvoll wie Yamashita. Kurz wie ein Schwerthieb – Ishi. Oder solche wie Nakayama, die den vollen, runden Ton von Klangschalen tragen. In solchen Momenten stehen wissenschaftliche Definitionen auf dem Kopf und man ahnt, dass eine Nation nie soviel sein kann wie die Summe alles Individuellen. Thea Herold

Galerie Murata & Friends, Rosenthaler Straße 39; bis 28. Juli, Mittwoch bis Freitag 13-19 Uhr, Sonnabend 12-18 Uhr.

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