Kultur : Dave Brubeck: Der Phantom-Vater

Michael Naura

Nach 1945 hatten wir, die hohläugig Überlebenden des Zweiten Weltkriegs, leere Mägen und Flöhe im Ohr. Einer von diesen Flöhen war Dave Brubeck. Er trieb uns in den Wahnsinn mit seinen Block-Akkorden, mit seinem lieb säuselnden Alt-Saxophonisten Paul Desmond und seiner unbeirrbar nach vorn schreitenden Rhythmusgruppe aus Bass und Schlagzeug. Und wenn sie Ellingtons "Take The A-Train" in die Luft schleuderten, dessen Anfang ein fettes G war und wie ein Silvester-Böller wirkte, dann sprangen wir von den Stühlen auf und brüllten: "Jaaaaaaa, das ist es!"

Das war eine perfekte Initial-Zündung, die gleichzeitig eine wundervolle, unheilbare Infektion war. Und ich ging nach Hause und sagte zu meinen Freunden: "Wir werden wie Brubeck spielen!" Und siehe, bald spielten wir "A-Train" in dieser verfluchten Halle in Berlin, deren Wände die Frage des Herrn Goebbels "Wollt ihr den totalen Krieg?" und auch die Antwort der Massen, ein begeistertes "Jaaaaa!", gespeichert hatten.

Im "Sportpalast" lieferten wir eine perfekte Brubeck-Kopie ab, und die amerikanischen Soldaten warfen ihre Käppis in die Luft, und die deutschen Frolleins strahlten. Noch heute frage ich mich, wie konnte ich derart hündisch Brubeck verfallen? Gab es irgendeinen heimlich homosexuell wirkenden Trieb? Die Antwort hat der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter gegeben. Von ihm stammt der Begriff "Amerikanismus".

Er schreibt: "Damit meine ich eine bis ins Unbewusste hinabreichende psychische Amerikanisierung, die weite Teile unserer Bevölkerung kennzeichnet. Für diese Kreise bedeuten die USA weit mehr als eine äußere Führungs- und Schutzmacht. Nur absolute Übereinstimmung mit den Amerikanern schützt diese Deutschen vor einer panischen Trennungsangst, die wiederum Symptom einer großen Identitätsschwäche ist. Sie träumen und phantasieren nach den Mustern der amerikanischen Comics, Western, Krimis und Seifenopern. Aber der Konsum dieses importierten Geistes ist Folge eines primären Identitätsdefizits. Wenn man zweifelt, ob man, was man von den Vätern geerbt hat, erwerben darf, um es zu besitzen, dann sucht man Halt durch Identifizierung mit idealisierbaren Ersatzeltern."

So ist es. Brubeck war mein Phantom-Vater. Mein eigener lag in jugoslawischer Erde. Warum beteten wir Brubeck an und nicht Charlie Parker oder Thelonious Monk? Weil uns die amerikanischen Soldaten-Sender indoktriniert hatten. Sie spielten alle Nase lang Brubeck und Konsorten. Die Rote Armee hatte keine Soldaten-Sender. Wenn ihre Soldatchen mit den verschwitzten Hemden "Schwarze Augen" sangen, dann dachten wir: "Ach nee, det wolln wa nicht!"

Wir waren Brubeckisten. Fast eine Sekte, die wie unser Vorbild in einem Bebop-freien Biotop lebte. In unserer Brubeck-Begeisterung, die sehr deutsch, sehr bürgerlich war, scheuten wir den Jazz der schwarzen Amerikaner. Zu hektisch, zu wirr, zu aggressiv. So dachten wir, die deutschen Angsthasen. Wenn der Milhaud-Schüler Brubeck Melodieseligkeiten wie "La Paloma Azul" oder "Take Five" spielte, schlossen wir beglückt die Augen. Selbst als Brubeck komplexe Kompositionen spielte, auch als eine gewisse Gichtigkeit im Bereich der Rhythmik zu befremden begann, hielten wir ihm die Stange. Fast hätten wir gesungen: "Eine feste Burg ist unser Brubeck".

Aber auch Burgen bröckeln. Der Tod seines Saxophonisten Desmond, dieses sanften Mondlicht-Musikers, hat Brubeck zu einem Witwer gemacht. Er musiziert mit seinen Söhnen, mit allen möglichen Leuten, sein Reisetrieb ist ungebrochen, doch der Zauber der frühen Jahre, der uns manchmal weinerlich werden ließ, ist hin. Der Bassist Charles Mingus hat einmal geknurrt: "Na gut, die weiße Gesellschaft hat also ihre eigene Tradition. Dann soll sie uns aber auch die unsere überlassen. Ihr habt euren Shakespeare gehabt und euren Marx und Freud und Einstein und Jesus Christus und Guy Lombardo, aber wir haben mit dem Jazz angefangen."

Das bestreitet ja keiner, mächtiger Mingus. Angefangen habt ihr. Aber beim Ausbau des Jazz-Hauses haben auch weiße Musiker kräftig angepackt. Solitäre wie Brubeck. Für ihn gilt ein Satz von Henry Miller: "They disappeared with the buffalo." Heute wird er achtzig. Happy Birthday, Buffalo Brubeck!

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