DAVID FINCHERS KRIMI„Zodiac – Die Spur des Killers“ : Verirrt im Zeichenwald

Thomas Willmann

Bei „Dirty Harry“ ist alles ganz einfach. Da gibt's am Ende eine Kugel für den Killer. Für die Cops in „Zodiac“ existiert so eine finalen Lösung auch nur im Kino: Sie bekommen den Eastwood-Streifen in einer Sondervorführung zu sehen. Denn „Dirty Harry“ war inspiriert von dem realen, bis heute ungelösten Fall, an dem die Männer aus San Francisco sich in den Siebzigern aktuell abarbeiteten.

„Zodiac“ ist das geniale, auf seine Weise spannendere Gegenprogramm: Einerseits ein nahezu dokumentarisches Zeitgemälde, das in seiner akribischen Recherche weit über die nominelle Vorlage hinausgeht – die Bücher Robert Graysmiths, eines ehemaligen Karrikaturisten des „San Francisco Chronicle“. An diese Zeitung hatte der Serienkiller (teils codierte) Briefe geschickt. Andererseits ist „Zodiac“ ein großartiger Film über die Uneindeutigkeit der Zeichen. Denn was seine Helden treibt, ist nur bedingt der Mörder. Sie geben selbst einmal zu: Der Straßenverkehr fordert wöchentlich mehr Opfer als dieser in einem Jahrzehnt.

Zur lebensverzehrenden Obsession wird der Fall für die verantwortlichen Polizisten und Journalisten – Schreibtischtäter allesamt –, weil er eine fundamentale Verunsicherung darstellt: ein Puzzle, in dem stets ein Teil fehlt, ein Teil aus einem anderen Bild stammt. An der Oberfläche ist „Zodiac“ zurückhaltender als David Finchers moderne Klassiker „Sieben“ und „Fight Club“ – er geht nicht so in die Extreme, ist weniger auf visuelles Wunderwerk konzentriert als auf sein brillantes Schauspielerensemble (einmal mehr göttlich: Robert Downey Jr., Foto, links). Aber die Weltsicht ist unverkennbar: Von der ersten Minute an spielt er ein perfides Spiel mit dem freien Flottieren der Bedrohung. Ein Auto gleitet am amerikanischen Nationalfeiertag durch eine Vorortstraße. Wir vermuten am Steuer sofort den Killer. Es ist nur eine junge Frau. Ihr Freund steigt zu. Ein eigenwilliger Kerl, dem wir alles zutrauen. Doch auch er wird nur ein Opfer sein. Wieder und wieder gibt es solche Momente in „Zodiac“: Durch Indizien und Gefühl zum Verdacht verleitet, werden die Zuschauer dann mit einer Entlastung konfrontiert. Einer Entlastung, die selten eindeutig ist. Denn das Beunruhigendste an diesem Film ist die starke Ahnung, dass „das Böse“ vor allem deshalb dingfest gemacht werden soll, damit wir es nicht in uns selbst entdecken. Verstörender Thriller. Thomas Willmann

„Zodiac – Die Spur des Killers“, USA 2006,

157 Min., R: David Fincher, D: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Robert Downey Jr.

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