Kultur : David Grossman: Mit jeder Hürde wächst die Kraft

Margit Lesemann

Alles fing damit an, dass der 16-jährige Assaf einen Ferienjob in der Stadtverwaltung von Jerusalem annahm, ein Job, der sein Leben ziemlich durcheinander bringen sollte: Assaf jagt durch die Straßen Jerusalems, an der Leine ein herrenloser Hund aus dem Städtischen Tierheim. Er soll die Person finden, der das Tier entlaufen ist. Der Hund führt ihn zu den seltsamsten Menschen, die ihm nach und nach ihre Geschichte über die Hundebesitzerin, die 16-jährige Tamar, erzählen. Je mehr Assaf über das geheimnisvolle Mädchen herauskriegt, desto stärker fühlt er sich zu ihr hingezogen. Aber wie findet er den Weg zu ihr? Assaf ist kein Mann der Tat. Bei der Suche nach Tamar wird er verhaftet, verfolgt, bedroht, aber dieses Mal duckt er sich nicht. Mit jeder Hürde, die er nimmt, wächst seine Kraft, und jeder Schritt führt ihn nicht nur näher zu Tamar, sondern auch zu sich selbst. Als er sie endlich findet, spürt er, "dass sein ganzes Leben bis zu diesem Augenblick im Grunde nichts als ein Präludium war, die Vorgruppe, und dass er endlich beginnt zu sein".

David Grossman erweist sich wieder einmal als hinreißender Erzähler. "Wohin du mich führst" ist ein raffiniert aufgebauter literarischer Thriller. Die klugen Schnitte und der Wechsel der Erzählperspektiven erzeugen Hochspannung. Grossman führt durch den israelischen Alltag, erinnert an die politischen Verhältnisse im Land und nimmt den Leser mit zu den Straßenkindern. Ein brisanter Stoff für einen rasanten Roman. Berührungsängste kennt Grossman nicht. Mit erbarmungsloser Schärfe schildert er die Brutalität der Dealer, das hysterische Verhalten der Polizei, die Hilflosigkeit mancher Eltern. Einfühlsam taucht der Autor in die verwirrende Gefühlswelt der Jugendlichen ein, erzählt von ihren Sehnsüchten und Enttäuschungen, Zweifeln und Erkenntnissen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben