Kultur : David Hockney: Kreuzfahrt mit Angelschein

Nicola Kuhn

A bigger Splash, ein Sprung ins kühle Nass eines Swimmingpools. In der Hitze der vergangenen Tage mag so mancher auf diesen Gedanken gekommen sein, zu dem sich dann jene Vision eines Schwimmbad-Bildes gesellt haben dürfte, die zu einer Ikone der jüngeren Kunstgeschichte wurde. Es ist David Hockneys Darstellung eines südkalifornischen Pools, in das Sekundenbruchteile zuvor jemand vom Meterbrett gesprungen ist, um auf dem wie tiefgefrorenen Blau der Wasseroberfläche die titelgebenden Spritzer zu hinterlassen.

Auch wenn die sommerlichen Temperaturen und Hockneys Image als ein Maler hedonistischer Genüsse das 1967 entstandene Gemälde "A Bigger Splash" wieder zum beliebtesten Ausstellungsmotiv machen, so hat die Bonner Bundeskunsthalle eigentlich mit den knapp hundert aus aller Welt zusammengetragenen Bildern eigentlich anderes im Sinn. Als erste europäische Retrospektive des großen Briten seit 30 Jahren will sie ein gigantisches µuvre präsentieren, das weit mehr zu bieten hat als jene gerade einmal zehn Swimmingpool-Bilder, die Hockneys Ruhm begründeten.

Vorne & Hinten

"A Bigger Splash" und auch die anderen drei nach Bonn entliehenen Schwimmbadgemälde, auf denen sich gut gebaute nackte Männer in schlierenförmigen Fluten räkeln, sind in die hinteren Räume verbannt. Stattdessen bildet ein fast akademisch wirkendes Werk den Auftakt, präsentiert auf einer klassischen Staffelei. Der Künstler hat es einer Hogarth-Radierung von 1754 nachempfunden, die allerlei perspektivische Verwirrung stiftet: Die Angelschnur eines im Vordergrund stehenden marmornen Adonis taucht überraschend neben einem weiter hinten sitzenden Angler ins Wasser; einem über die Hügel des Hintergrunds spazierenden Wanderer gelingt es, sich seine Pfeife an der vorne von einer Frau aus dem Fenster gehaltenen Kerze anzustecken. Hogarth hatte damit seinerzeit Brook Taylors "Method of Perspective Made Easy" illustriert; über 200 Jahre später sollte es einen Landsmann erneut zur Auseinandersetzung mit dem Bildraum inspirieren. Und Hockney wandelt sich in einen Intellektuellen, einen Suchenden, der nicht einfach nur lustvoll kalifornische Interieurs, lässige Doppelbildnisse oder Blumenstillleben in naturalistischer Manier und strahlenden Farben wiedergibt, sondern Gesetze der Malerei befragt.

Schon die vier Jahre zuvor im Kölner Museum Ludwig gezeigte Hockney-Schau, die durch ihre Medienvielfalt überraschte, hat das Bild dieses Künstlers gewandelt, der keineswegs nur mit Pinsel und Zeichenstift arbeitet, sondern auch Fotografien, Farbkopierer und Faxgeräte einsetzt. Doch was damals noch wie ein kreatives Nebengeleis erschien, erweist sich nun als systematische Forscherarbeit. Wie kaum ein anderer Maler der Gegenwart sucht Hockney in der Geschichte nach Lösungsmöglichkeiten der ewig gleichen Problemstellung: den Wirklichkeiten von Bild-Raum und Bild-Gegenstand.

Maß & Spaß

Diese Rückorientierung mag ihm mancher Avantgardist als konservativ nachtragen, doch hat Hockney schon immer höchst kämpferisch die Sache der Gegenständlichkeit gegenüber den neuesten Trends vertreten. Ende der siebziger Jahre etwa attackierte er mit einem Artikel im "Observer" die seiner Meinung nach nur an nichtfigurativer Malerei orientierte Ankaufspolitik der Londoner Tate Gallery. Unter mangelnder Anerkennung dürfte Hockney dennoch nicht gelitten haben: in Ausstellungen wie auf Opernbühnen, wo er häufig mit der Ausstattung beauftragt wurde, war sein Werk immer präsent. Und auch die Tate machte bei der Wiedereröffnung ihres Stammhauses am nördlichen Themse-Ufer im vergangenen Jahr brav ihre Verbeugung, indem sie einen eigenen Raum für ihn reservierte.

Das Verdienst der Bonner Ausstellung ist es nun, in Hockney nicht nur den brillanten Oberflächen-Maler zu feiern, sondern ihn auch als deren Durchdringer zu würdigen. Wenn der Blick des Betrachters dennoch etwa durch seine Grand Canyon-Bilder spaziert, dann ist das durchaus im Sinne des Meisters. In den vier Jahrzehnten seines künstlerirschen Schaffens ging es ihm zwar stets höchst ernsthaft um Phänomene des Visuellen, das Lustvolle gehörte jedoch immer dazu. Allerdings nicht als Hauptsache, wie ihm angesichts seiner homoerotischen Motive gerne unterstellt wird.

Dabei ließ sich Hockney für seine Erkundungen nicht nur von anderen Künstlern und Kunstrichtungen, sondern auch von fernen Kulturen inspirieren. Eine China-Reise Anfang der Siebziger etwa machte ihn auf die Möglichkeiten des Rollbildes und die ihm innewohnende Darstellung von Zeitlichkeit aufmerksam.

In Hockneys Motivwelt übersetzt, entstand aus diesem fernöstlichen Kunstkonzept ein über sechs Meter breites Gemälde: "A Visit with Christopher and Don, Santa Monica Canyon" (1984), die kubistisch auseinandergeklappte Panoramaansicht der Wohnung seiner beiden Freunde, von denen der eine links vor der Staffelei sitzt, der andere rechts gerade von seiner Schreibmaschine aufblickt. Wer dabei an Picasso denkt, liegt durchaus richtig. Der Brite hat seine Bewunderung für den großen Spanier nie verhehlt; in der skulpturalen Behandlung seiner Stilllebenmotive lassen sich sogar deutlich Anleihen bei dessen Spätwerk ausmachen.

Bei seinen Kreuzfahrten durch die Kunstgeschichte wurde der rastlose Zeitgenosse vor allem bei den Klassikerausstellungen fündig: bei der Vermeer-Retrospektive 1996 in Den Haag und der Ingres-Schau drei Jahre später in der Londoner National Gallery. Während Hockney bei Vermeer die innere Leuchtkraft der Farben studierte, entlockte er Ingres das Geheimnis seiner präzisen Porträtkunst. Ähnlich wie Andy Warhol 150 Jahre später mit Hilfe eines Diaprojektors verblüffend authentische Bildnisse gelangen, bediente sich auch Ingres einer technischen Krücke: der Camera lucida, einer kleinen prismatischen Linse, die Gegenstände um 90 Grad gedreht auf ein auf dem Tisch liegendes Papier zu projizieren vermag.

Hockney war fasziniert von seiner Entdeckung, die er selbst in hunderten von Porträts anwandte. Sammler, Galeristen, Künstlerkollegen, Freunde, ja Museumswärter und sogar Ausstellungskurator Kay Heymer sind nun in der Bonner Galerie der Köpfe vereint, die trotz ihrer Altmeisterlichkeit eine erstaunliche Lebensnähe ausstrahlt.

Stanley & Bogey

Hockney in die Schublade des Hedonisten und Pop-Artisten zu pressen, diese Zuordnung funktioniert spätestens mit der Bonner Ausstellung nicht mehr. Der Spaß bleibt dennoch gewahrt: Dafür sorgen die unverändert knalligen Farben ebenso wie das Dackelpärchen Stanley und Bogey, dem Hockney mit seinen "Dog Paintings" schon jetzt künstlerischen Nachruhm gesichert hat. Oder man begibt sich mit dem Künstler auf einen seiner legendären "Wagner-Rides" entlang der kalifornischen Küste. Zwar fehlt das dazugehörige Cabrio, aber dafür gibt es die passende Musik aus "Tristan und Isolde" sowie Hockneys künstlerische Visionen seiner amerikanischen Wahlheimat. Der Besucher braucht nur einzusteigen und loszufahren.

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