David Lynch : In 70 Tagen durch Amerika

John wohnt in Cushing, Oklahoma. Der 75-Jährige sitzt im Rollstuhl, auf seinem Schoß ein Zwergpudel. Er spuckt in einen Plastikbecher, versteckt ihn in der Hemdtasche und sagt: "Ich will als jemand erinnert werden, der eine gute Zeit hatte." John ist einer von 121 Porträtierten im "Interview Project" von David Lynch.

Silke Weber

Eine Weile war es ruhig geworden um den Kultregisseur. Nun präsentiert er im Internet eine in 70 Tagen von Sohn Austin und dessen Freund Jason S. gedrehte Interview-Doku-Serie. Von der West- bis zur Ostküste legte das Team 20 000 Meilen zurück; Lynch selbst fungiert als Ideengeber, jedes Porträt wird von ihm anmoderiert. Zu sehen sind die drei- bis fünfminütigen Videos auf www.interviewproject.davidlynch.com; jeden dritten Tag kommt ein neues hinzu.

Ein „Roadtrip, bei dem Leute gefunden und interviewt wurden“, sagt Lynch in Anspielung auf lost and found – und damit auf all die Zeitgenossen, die im offiziellen Amerikabild nicht auftauchen. „Lost Highways“ der dokumentarischen Art: Vor die Kamera rücken Randgänger und Underdogs mit ihren gewöhnlichen Geschichten, Lebensstraßen, Abwegen.

Tommie (54) aus Kingman, Arizona, erzählt mit fauligen Zähnen von seiner Freundin, die ihren Ex mit einem Maschinengewehr erschossen hat. Er wartet auf ihre Entlassung und träumt von einem glücklichen Leben, „abseits der Gesellschaft“. Die 43-jährige Tracy aus Texas sagt: „Das Leben ist nicht dein Ziel, sondern deine Reise.“ Ähnlich wie der alte Alwin Straight, der in Lynchs langsamstem Film, „The Straight Story“, auf dem Rasenmäher durch die Staaten tuckernd Seitenblicke in die Vorgärten der Amerikaner wirft, begegnet man auch den Interviewten an Transit-Orten. Kurze Aufnahmen der Umgebung, Stichworte zur Biografie, zu Hoffnungen, Ängsten – ihr Zuhause betritt man nicht. Am Ende wird der Ton abgedreht; Lynchs Universum ist einmal mehr voller Geheimnisse.

Die Mehrzahl der Interviewten sind ältere, weiße Männer. Aber hinter ihren oft moralinsauren Statements wird es schnell unheimlich – wie in David Lynchs Klassiker „Blue Velvet“, wenn die Kamera bis unter den Rasen des Vorgartens zoomt, die Suburbs buchstäblich untergräbt. Auch im „Interview Project“ sucht die Kamera die Nähe zu den Gesprächspartnern und belässt es doch subversiv bei Fragmenten von Existenzen am Rand. Lynchs Filmen, die sich gern wie ein Rhizom ausbreiten, entsprechen die Möglichkeiten des Internet: Die Maus klickt, der Curser scrollt, jedes Porträt wird durch Text- und Fotomaterial ergänzt. Dennoch wird das Bild nie vollständig, es bricht weg, reißt ab. Entrückte, verrückte Welt: Ohne Lücken ist Eigensinn nicht zu haben.

„Worauf sind Sie stolz?“ Die Fragen wiederholen sich. Jess (64) antwortet: „Eigentlich bin ich auf nichts stolz, außer am Leben zu sein“. Er spricht fast heiter von seinen Entbehrungen. 

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