Kultur : David schielt: Schönheitsfleck (Glosse)

Christiane Peitz

Es ist immer wieder erstaunlich, womit sich Wissenschaftler so alles beschäftigen. Zum Beispiel Professor Marc Levoy von der Universität Stanford. Seit fast zehn Jahren scannt und digitalisiert der kalifornische Computerexperte Michelangelos Statuen. Nun hat Professor Levoy herausgefunden, dass Michelangelos David schielt. 500 Jahre nach seiner Erschaffung kommt dank modernster Lasertechnik ans Licht, dass David, der Treffsichere mit der Steinschleuder, nicht geradeaus gucken kann. Steht in Florenz, fünf Meter hoch, und ist womöglich nur deshalb so groß, damit wir ihm nicht in die Augen schauen können! Sein Makel, sagt der Professor - und nun wird es erst recht interessant -, sei so lange unentdeckt geblieben, weil die meisten Betrachter ihren Blick stets auf Davids Genitalien lenken. Welch folgenreiche Meldung: Dass das Alte Testament umgeschrieben werden muss, weil Goliath nicht gezielt, sondern aus Versehen hingestreckt wurde, ist dabei fast nebensächlich. Nein, die revolutionäre Erkenntnis liegt auf Höhe des erwähnten Blickfangs: Es handelt sich bei jenem keineswegs um die Verkörperung männlicher Potenz. Endlich ist wissenschaftlich bewiesen, was wir Frauen längst ahnten: Der Phallus taugt bestenfalls als Ablenkungsmanöver von all den Schwächen, wegen derer wir die Herren ja doch irgendwie mögen. Das wahre Machtzentrum steckt in der Pupille; die Wahl der Waffen im Kampf der Geschlechter garantiert also Fairness. Im Blickewerfen sind wir Frauen schließlich Weltmeisterinnen. Levoy, der Fachmann, nennt es den "Michelangelo-Trick". Die optimale Wirkung jedes einzelnen David-Auges kann sich nur schielend entfalten. Auch der perfekte Mann hat also einen Schönheitsfleck, mehr noch: Erst der Silberblick macht ihn unschlagbar. Mit David, der Inkarnation klassischer Schönheit, verhält es sich folglich wie mit jeder irdischen Schönheit. Sie ist nicht vollkommen, ja sie hat den Makel zur Voraussetzung: Marilyns verdammt breiten Mund, Romy Schneiders allzu rundliches Kinn oder die viel zu hohen Wangenknochen von Kristin Scott Thomas. Sollten Professor Levoys Laserstrahlen noch mehr solcher Makel zum Vorschein bringen, wird die Welt täglich schöner. Verführerische Anblicke, wohin wir auch schauen. Der Wissenschaft sei Dank.

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