David Walliams: Gangsta-Oma : Der Glanz der Kohlsuppe

Wie ein Junge lernt, seine Großmutter zu lieben: David Walliams’ turbulenter Roman „Gangsta-Oma“ mit Zeichnungen von Tony Ross.

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Eine Oma wie aus dem Bilderbuch - aber ganz schön gerissen.
Eine Oma wie aus dem Bilderbuch - aber ganz schön gerissen.Foto: Rowohlt Rotfuchs

Ob es solche Omas wirklich noch gibt? Omas mit haarigem Kinn, die blassviolette Strickjacken, Kleider mit Blümchenmuster und braune Strumpfhosen tragen? Die ihre benutzten Taschentücher in die Ärmel stecken und nach Kohl riechen? So eine Oma hat der 11-jährige Ben in David Walliams’ Roman „Gangsta-Oma“. Dass diese Großmutter zunächst nicht der attraktivsten eine ist, lässt sich denken – zumal wenn man wie Ben jede Woche von Freitag auf Samstag bei ihr übernachten und vorher Kohlsuppe essen und Scrabble spielen muss.

Sieht man also davon ab, dass diese Oma wie eine überholte Figur aus den siebziger oder achtziger Jahren wirkt oder zumindest wie eine sehr britische, ist diese Ausgangskonstellation für einen witzig-schmissigen Jugendroman ideal. Denn wie allein der leider etwas blöd-anbiedernde Titel (Jugendkultur!, Hip-Hop-Sprache!) andeutet und der indischstämmige Kioskbesitzer Raj, bei dem Ben immer seine Rolos kauft, bestätigt: „Wir werden alle irgendwann mal alt. Sogar du. Und ich bin mir sicher, dass deine Oma das eine oder andere Geheimnis mit sich herumträgt. Das ist bei allen alten Menschen so ...“

Und so kommt es: Ben fährt plötzlich gern zu seiner Oma. Denn er entdeckt in ihrer Küche zufällig eine alte Keksdose, die voller Ringe, Armbänder, Halsketten und Ohrringe ist, allesamt besetzt mit vielen großen funkelnden Diamanten. Wo seine Kohl-Oma die wohl her hat? Klar, dass ein 11-jähriger Junge dieses Rätsel lösen und Detektiv spielen möchte.

David Walliams ist einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren Großbritanniens - „Gangsta-Oma“ erscheint am 11. März. Zudem spielt er in der englischen Comedy-Serie "Little Britain" mit.
David Walliams ist einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren Großbritanniens - „Gangsta-Oma“ erscheint am 11. März. Zudem spielt...Foto: Simon Emmett

Der 1971 geborene britische Kinderbuchautor und Schauspieler David Walliams hat nicht nur ein gutes Gespür dafür, wann er seiner Geschichte den nächsten Dreh geben soll, um die Aufmerksamkeit hoch zu halten – er versteht sich auch auf unterhaltsame Abschweifungen, meist in Form von Listen, die von der Aufzählung der Oma-Minuspunkte bis zu unterschiedlichen „Tadelniveaus“ (Eltern niedrig, Königin ganz hoch!) reichen. Und er kann Milieus authentisch-farbig auspinseln. Bens Eltern sind eine Mischung aus Durchschnitts- und Unterschichtsbriten. Die Mutter arbeitet in einem Nagelstudio („Susis feine Nägel“), der Vater ist Supermarktdetektiv. Zu essen gibt es bei ihnen nur Fertiggerichte, weil sie nicht kochen können. Und am liebsten schauen sie im Fernsehen Tanzshows, „Stars auf dem Parkett“, die sie überdies freitags gern live im Studio mitverfolgen. Weshalb ihr Sohn auch immer zu Oma muss: „Manchmal kam es Ben sogar so vor, als ob sie das Tanzen mehr liebten als ihn.“

Doch darüber nachzudenken hat er wegen des Geheimnisses seiner Oma erst einmal keine Zeit. Er ertappt diese schließlich dabei, wie sie die Scheibe eines Juweliergeschäftes einschmeißen möchte, in schwarzer Verbrecherkluft. Sie gesteht dann, einst eine passionierte Juwelendiebin gewesen zu sein. So entwickelt sich eine schöne Beziehung, die so weit geht, dass beide planen, die Kronjuwelen aus dem Tower von London zu stehlen, den Königinnenraub gewissermaßen. Nur dass Walliams da ein paar weitere lustige Hindernisse aufgebaut hat: etwa einen Auftritt Bens bei einer Tanzshow, was seine Eltern natürlich super finden. Ihnen schwebt nämlich für Bens Zukunft eine Tänzerkarriere vor, er aber möchte Klempner werden, was ihm beim Tower-Einbruch von Nutzen ist.

„Gangsta-Oma“ ist ein turbulenter, kurzweiliger Roman, nicht zuletzt weil neben den Listen die schönen Illustrationen von Tony Ross für Auflockerung sorgen. Aber eben auch, weil Walliams viele Volten parat hat, am Ende, versteht sich, ein paar überraschende, fein menschelnde, eine tragische gar. Vom Glamour der Gangster-Oma bleibt nicht mehr viel, so viel darf verraten werden: Bens Großmutter gerät wieder auf ihr Normalmaß mit Strickjacke, Scrabble und Kohlsuppekochen. Aber auch das ist eines Tages der Stoff, aus dem sich die Sehnsucht eines Jungen speist.

David Walliams: Gangsta-Oma. Aus dem Englischen von Salah Naoura. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2016. 272 Seiten, 14,99 Euro. Ab 10 Jahren. (erscheint am 11. März)

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