David Zinman dirigiert beim DSO „Vanessa“ : Romantik ohne Unschuld

Vital pulsierend, herb und expressiv zugleich: David Zinman dirigiert mit dem DSO erstmals in Berlin „Vanessa“.

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David Zinman steht im Rampenlicht, aber er lässt das Orchester sich in den Vordergrund spielen.
David Zinman steht im Rampenlicht, aber lässt das Orchester sich in den Vordergrund spielen.Foto: DSO

Die Atmosphäre ist düster und bedrückend, wie bei Ibsen oder Tschechow: In einem einsam gelegenen Landhaus, irgendwo im Norden Europas, wartet Vanessa seit 20 Jahren darauf, dass die Liebe ihres Lebens zurückkehrt, Anatol, ein verheirateter Mann, mit dem sie einst eine Affäre hatte. Doch statt seiner taucht an einem Winterabend dessen Sohn auf, der den Vornamen des verstorbenen Vaters trägt. Erst verführt und schwängert er Vanessas Nichte Erika, dann wendet er sich der Tante zu. Als Vanessa und Anatol ihre Verlobung bekannt geben, versucht Erika sich umzubringen, wird gerettet, doch verliert das ungeborene Kind. Anatol überredet Vanessa, mit ihm nach Paris zu ziehen, Erika bleibt alleine in der Einöde zurück.

1958 hat der US-Komponist Samuel Barber aus dem melodramatischen Stoff eine Oper gemacht – und dafür eine angemessen spätromantische Musiksprache gewählt. Die zwar schon bei der Uraufführung an der New Yorker Met musikgeschichtlich anachronistisch war, in sich aber absolut stimmig wirkt. Wie David Zinman jetzt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie beweisen konnte. Als Berliner Erstaufführung erklingt „Vanessa“ hier, in einem szenischen Arrangement (Regie: Andrea Dorf MacGray), bei dem die Solisten hinter den Musikern agieren.

Das Orchester spielt die Hauptrolle

Das ist zum einen praktisch gedacht, weil so die vielen seitlich sitzenden Besucher den Darstellern nicht auf den Rücken schauen müssen. Hat zum anderen aber auch seine klangliche Logik: Denn eigentlich spielt das Orchester die Hauptrolle. Während Erin Wall als Titelheldin wie auch Virginie Verrez als Erika ganz in ihren verqueren Lebensentwurf-Kokons gefangen bleiben und Andrew Staples den Anatol undurchschaubar macht, weil er beiden Frauen gleich charmant begegnet, verraten die Instrumente stets die wahren Gefühle der Protagonisten.

Einen bittersüßen Sound entfaltet David Zinman mit dem hochmotivierten DSO, vital pulsierend, herb und expressiv zugleich, von faszinierendem, sinfonisch gearbeiteten Facettenreichtum. Wenn Barber effektsicher Extremsituationen auskomponiert, erinnert seine Tonsprache mal an Richard Strauss, mal an den italienischen Verismus, aber ohne je nach Imitat zu klingen. Es ist eine Romantik, die ihre Unschuld verloren hat und sich dessen bewusst ist. Gerade das aber macht sie spannend fürs Ohr.

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