Kultur : Davids Rache

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über die großen Kleinen

des Literaturbetriebs

Ergreifender als der Triumph des Schönen, Starken, Guten ist doch der der Unscheinbaren, Verhutzelten – der Mittelprächtigen, die dem David von Michelangelo nicht so sehr ähneln. Von ihren Siegen will ich diese Woche erzählen. Dass etwa die Zeitschrift „Das Gedicht“ je Heft etwa 3000 Käufer findet, darauf hätten vor zehn Jahren die wenigsten einen Pfifferling gewettet. Anfangs brach Anton G. Leitner publikumswirksam einige Debatten vom PoesieZaun, seitdem läuft es. Das erste Heft ist inzwischen in der dritten Auflage. Anton G. Leitner , Verleger, Dichter und Marktschreier der Poesie, stellt seine Zeitschrift heute Abend gemeinsam mit den Autoren Kathrin Schmidt und Dieter M. Gräf in der Literaturwerkstatt (20 Uhr) vor.

Siegreich ging auch Bertha Pappenheim aus einem Kampf hervor. Sie ist als Anna O. bekannt geworden, die sich bei „der Pflege ihres kranken Vaters eine schwere und komplizierte Hysterie mit Lähmungen, Kontrakturen, Sprach- und Sehstörungen“ zugezogen hatte und Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse anregte. Weniger bekannt ist, dass Pappenheim Kinderbücher schrieb, in Galizien gegen den Mädchenhandel kämpfte und den Jüdischen Frauenbund gründete. Marianne Brentzel spricht am 22.1. im Literaturhaus (20 Uhr) über ihre Biografie „Bertha O.“ (Wallstein).

Ist auch László Végel ein kleiner David? Sein Gegner jedenfalls ist übermächtig. Végel hat sich einen „heimatlosen Lokalpatrioten“ aus Novi Sad genannt: heimatlos als Mitglied der ungarischen Minderheit in Jugoslawien, lokalpatriotisch sozusagen zur Entschädigung. Eine im nationalistischen Jugoslawien des letzten Jahrzehnts unmöglich werdende Haltung, wie Végels scharfer Blick auf den Fußboden bemerkt: „Die Frauenschuhe mit den abgenutzten Absätzen zeigten als erste den Triumph des Nationalstaates an.“ Végel liest am 22.1. gemeinsam mit seinem Landsmann Istvan Eörsi in der Akademie der Künste (20 Uhr) aus Essays, Porträts und Polemiken.

Nicht besser als Végel ergeht es Maharaj-Kumar. Der Kronprinz des Königreichs Mewar, das sich im 16. Jahrhundert auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet, hat seine Frau, die Lyrikerin und Mystikerin Mirabai, an Krishna verloren, den leichtfertigen und betrügerischen Gott. Die Dame spricht mit Sicherheit kein Kleistsches „Ach“, weshalb der Inder Kiran Nagarkar in seinem ausgreifenden und farbenprächtigen 700-Seiten-Roman „Krishnas Schatten“ (A 1) von einem einzigartigen Machtkampf erzählt. Nagarkar kommt am 24. Januar in die Dorotheenstädtische Buchhandlung (Moabit, Turmstr. 5, 20 Uhr), wo Hermann Beil , Dramaturg am Berliner Ensemble, aus der deutschen Übersetzung liest. Der letzte David heißt Anna. Neunzig Jahre lang hat sie versucht, der deutschen Geschichte Glück abzutrotzen und vergegenwärtigt sich nun in einem einsamen Selbstgespräch ihr Leben. Im Zentrum steht die Liebesbeziehung der lebenslustigen Pfarrfrau mit einem sowjetischen Offizier, weshalb ihr Mann sie fünfzig Jahre lang nicht berührt. Christoph Buggert , Hörspielleiter beim Hessischen Rundfunk, stellt am 27.1. in der Autorenbuchhandlung (20 Uhr) seinen zweiten Roman „Lange Reise“ (Kindler) vor.

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