Kultur : Davon geht die Welt nicht unter

FRANK NOACK

Im Katastrophenfilm "Deep Impact" bedroht ein Komet die Erde - und nur noch Beten hilftVON FRANK NOACKWenn es um die Darstellung des US-Präsidenten geht, ist in Hollywood alles erlaubt.Der erste Mann im Staate darf als Grübler, als liebenswerter Trottel, ja sogar als richtiger Fiesling vorgeführt werden - nur auf den Einfall, ihn als unantastbare Autorität zu präsentieren, ist schon lange niemand mehr gekommen.Vielleicht fehlte der passende Darsteller.Doch dank Morgan Freeman, der selbst in Verbrecherrollen integer wirkt, erfährt das Amt des Präsidenten jetzt endlich eine Ehrenrettung.Wenn Freeman in "Deep Impact" von Reportern gefragt wird, wie er auf die Bedrohung der Erde durch einen herabstürzenden Kometen zu reagieren gedenkt, sagt er nur: "Ich glaube an Gott".In dem Moment wissen wir, daß noch eine Chance zum Überleben besteht.Wenn Morgan Freeman an Gott glaubt, dann gibt es einen Gott.Und der wird es nicht zulassen, daß die gesamte Menschheit zugrundegeht.Trotz dieser Gewißheit ist "Deep Impact" kein beruhigender Film.Regisseurin Mimi Leder zeigt zum zweiten Mal nach "Project: Peacemaker" Mut zum Flop, indem sie mit ihrem hohen Budget kein knallbuntes Spektakel inszeniert, sondern eine sensible, düstere, traurige Weltuntergangsvision, von dem inzwischen verstorbenen Kameramann Dietrich Lohmann mit passenden Bildern versehen.Die Welt, in der "Deep Impact" spielt, scheint schon längst untergegangen zu sein.Strahlende Helden gibt es keine.Die Fernsehreporterin Jenny (Tea Leoni) ist trotz ihres schnellen beruflichen Aufstiegs einsam und verbittert, da ihr Vater (Maximilian Schell) die Mutter (Vanessa Redgrave) wegen einer Jüngeren verlassen hat.Der 14jährige Nachwuchs-Astrologe Leo (Elijah Wood) erlebt seine erste Liebe ganz nüchtern, ohne jugendlichen Übermut.Und die Astronauten, die dem Kometen entgegenfahren, um ihn zu zerstören, machen sich nicht die geringsten Illusionen: Sie trösten sich damit, daß man nach ihrem Tod Universitäten nach ihnen benennen wird.Besondere Aufmerksamkeit schenkt Mimi Leder der Mutter, die kurzzeitig aufblüht und strahlt, wie es nur Vanessa Redgrave kann - um dann in ein emotionales Tief zu fallen, als verkündet wird, für alle Bürger über fünfzig seien keine Evakuierungsmaßnahmen vorgesehen.Selten werden in einem Katastrophenfilm einzelne Figuren so ernst genommen wie hier; gleichzeitig meistert die Regisseurin komplizierte Massenszenen.Ob das Publikum ihren ungewöhnlichen Ansatz honorieren wird, ist fraglich.Denn der stärkste US-Präsident, der seit langem auf der Leinwand zu sehen war, regiert über ein Volk von lebenden Toten.Und das ist kein erhebendes Gefühl. In 19 Berliner Kinos, OV in der Kurbel

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