Kultur : Dazwischen Nikola Madzirov beim Berliner Poesie-Festival

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Kurz geschorene Haare, kräftige Statur, breites Gesicht – auf den ersten Blick wirkt Nikola Madzirov nicht wie einer der wichtigsten Akteure der jungen südosteuropäischen Lyrik. Doch wenn der 39-jährige Mazedonier mit fester, ruhiger Stimme über Heimat, Schweigen und Erinnerung zu sprechen beginnt wie am Dienstag beim Berliner Poesiefestival mit dem Berliner Lyriker Alexander Gumz, offenbart sich den Zuhörern ein sensibler Beobachter. Bereits zum Festivalauftakt am 1. Juni hatte Madzirov an der „Weltklang“-Nacht teilgenommen.

„Ich freue mich, dass auch die Stille übersetzt wurde“, sagt Madzirov über seine Gedichte, die bislang in 30 Sprachen übertragen wurden. Tatsächlich sind es die Räume zwischen den Wörtern, die für den Dichter von Bedeutung sind. Beim Rezitieren setzt Madzirov die Pausen sehr bewusst: „Sprich das Gebet / mit geschlossenen Lippen ... Schweigen lernt man im Mutterleib.“ Madzirovs Lyrik ist melancholisch, ohne pathetisch zu sein, sie handelt vom Vergessen und Erinnern, das sich oft an unscheinbaren Gegenständen entzündet.

Madzirov ist viel auf Reisen, fühlt sich aber dennoch stark mit seiner Heimat verbunden. Besonders sein altes Kinderzimmer sei für ihn ein Ort der Kontemplation. Eine Verbundenheit, die Madzirov durchaus selbstkritisch sieht: „Manchmal fühle ich mich wie jemand, der nur für kurze Zeit ins Ausland gehen will, um zu arbeiten. Aber dann bleibt er fast sein ganzes Leben dort und beginnt trotzdem in seiner Heimat das größte Haus zu bauen – doch eigentlich ist es ein Mausoleum.“

Das Gefühl des Feststeckens in einem Dazwischen führt Madzirov auch auf die Geschichte Mazedoniens zurück, das während seiner Jugend den Wandel vom Kommunismus zum Kapitalismus vollzogen habe. Politisch ist er eher desillusioniert: „An einen politischen Fortschritt glaube ich immer weniger.“ Vielmehr konzentriere er sich auf die kleinen Zusammenhänge: „Der Blick auf die gewöhnlichen Dinge erhält mich am Leben.“ Erik Wenk

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