Kultur : Dazwischen Theater

WOLFGANG KRALICEK

Der letzte Tag der 13 Jahre lang währenden Ära Peymann am Burgtheater endete mit Freibier, Feuerwerk und einem rauschenden Fest. Natürlich führte der Chef bei seinen Abschiedsfeierlichkeiten höchstpersönlich Regie; mit Recht kann von der allerletzten Wiener Peymann-Inszenierung gesprochen werden, sogar Programmzettel wurden aufgelegt. Das Motto der Fête klang wie ein Befehl: "Alles ist Spaß auf Erden!" Dennoch wird es ein netter Abend gewesen sein. Begonnen hat es schon am Nachmittag mit Peymanns legendärer Inszenierung von Thomas Bernhards "Theatermacher", jener Aufführung, mit der am 1. September 1986 alles angefangen hatte. Beim frenetischen Schlußapplaus soll Peymann Tränen in den Augen gehabt haben. Danach werden noch jene drei Bernhard-Dramolette gespielt, in denen Peymann der Titelheld ist. Eines handelt davon, daß er Bochum verläßt und als Burgtheaterdirektor nach Wien geht. Wir sehen, wie Peymann mit Fräulein Schneider seine Koffer mit Schauspieler- und Dramaturgenpuppen anfüllt. Es ist das richtige Stück zum richtigen Zeitpunkt: Peymann packt wieder. Der Unterschied ist nur, daß er diesmal mit leichterem Gepäck verreist.

Kurz vor dem letzten Vorhang seiner Direktionszeit zeigt Peymann für einen Moment noch einmal sein despotisches Gesicht: Fans und Reporter, die vor den Türen des Zuschauerraums lärmend darauf warten, zum letzten Schlußapplaus eingelassen zu werden, werden von einem aufgebrachten Direktor mit "Hausverbot" bedroht. Bald aber ist alles wieder eitel Wonne: Fast 20 Minuten lang stellen sich Kirsten Dene (die Darstellerin von Fräulein Schneider, Thomas Bernhard und Hermann Beil) und Martin Schwab (der Darsteller von Claus Peymann) mit den realen Rollenvorbildern dem Jubel. Peymann reagiert auf die Ovationen mit seinem charakteristischen Winken und einer wegwerfenden Geste, die Veteranen aus Bochumer Abschiedszeiten wiederzuerkennen glauben.

Nächster Programm- und zugleich Höhepunkt des Abends: "Kurzes, aber gefühlvolles Spektakel". Zu Musik von Mozart und Strauß wandelt Schwab alias Peymann über das Dach des Burgtheaters, klettert auf eine Leiter und holt jene Fahne ein, die Peymann vor 13 Jahren hatte hissen lassen. Dazu werden Konfettikanonen gezündet. Ein schönes Bild: Der Pirat verläßt das gekaperte Schiff und verrät gleichzeitig, daß er gar nicht scharf geladen hatte; er wollte nur spielen.

Die Szene rund um das Burgtheater ist sowohl Volksfest als auch Jahrmarkt. Die übriggebliebenen Programmbücher werden ebenso verschenkt wie die großformatigen Aushangfotos. Nur für die "Weltkomödie Österreich", die gigantische Chronik von Peymanns Burgtheaterjahren, muß bezahlt werden. Ein paar tausend Menschen, die hier für ganz Österreich stehen, sind gekommen, um Abschied zu nehmen von einem lieben Feind. Der Volksgarten neben dem Burgtheater ist stimmungsvoll beleuchtet; effektvoll hat Peymann die Burgtheaterminiatur aus "Heldenplatz" sowie allerlei Theatertiere aus verschiedenen Inszenierungen, darunter die berühmte Giraffe aus "Nathan der Weise", im Park verteilt.

Peymann und Beil schenken Champagner aus und geben bis lange nach Mitternacht Autogramme. Danach geht noch ein Herzenswunsch in Erfüllung. In einem seiner zahlreichen Abschiedsinterviews hatte Claus Peymann gestanden, er träume davon, daß dereinst eine Rose im Volksgarten seinen Namen trüge. Der junge Burgschauspieler Johannes Krisch machte ihm den Traum wahr: Im Volksgarten blüht ab sofort in unmittelbarer Nachbarschaft zu Anneliese Rothenberger und Sophia Loren eine Rose namens Peymann. Spätestens jetzt ist dem scheidenden Burgtheaterdirektor das Fest ein wenig unheimlich geworden. "Eine Rose im Volksgarten - das ist ein Todesschuß!" 13 Jahre Peymann in Wien: Es begann mit einem Fest auf der Bühne. Es endete mit einem Fest um die Bühne. Dazwischen war Theater.

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